Sauberkeitserziehung Babys ohne Windeln?

Als "artgerechtes Großwerden" bezeichnen es engagierte Eltern, ihr Kind ganz ohne Windeln zu erziehen. Kann das funktionieren? Wann ist die richtige Zeit für die Sauberkeitserziehung?

Von Kathrin Burger

Die kleine Sarah sitzt auf dem Töpfchen. Dabei ist "Sitzen" eigentlich zu viel gesagt. Das kann Sarah nämlich noch gar nicht. Sie ist ein Baby und erst wenige Monate alt - ihre Mutter muss sie auf dem Töpfchen festhalten. Auch der Vater ist mit Sarahs Geschäft beschäftigt: Er filmt die Angelegenheit minutenlang und sagt immer wieder: "Ich glaube, sie ist fertig." Zum Schluss ein Zoom ins Töpfchen: Sarah hat nun tatsächlich ein großes Geschäft gemacht. Was anderen Kindern erst mit zwei oder drei Jahren gelingt, meistert Sarah schon im Babyalter.

Sarahs Eltern gehören einer Bewegung an, die ihren Nachwuchs ohne Windeln aufziehen will. Andere Eltern, deren Kinder auch mit drei Jahren nur Pipi aufs Töpfchen machen und noch mit vier nachts eine Windel brauchen, mag das erstaunen. Doch grundsätzlich funktioniert das Leben ohne Pampers, wenn Eltern und Babys sich in "Ausscheidungskommunikation" üben, wie die Methode heißt.

Im Englischen spricht man von "Elimination Communication" (EC). Die Eltern nutzen dabei Signale ihres Kindes: Sie achten auf Grimassen oder Bewegungen, die das Baby kurz vor Wasserlassen oder Stuhlgang vollführt, und halten es dann schnell über Töpfchen oder Grünstreifen. Jeden Toilettengang - bei Säuglingen bis zum sechsten Monat sind das rund 20 pro Tag - begleiten Windelfrei-Eltern mit einem Schlüssellaut.

"Artgerechtes Großwerden"

So konditionieren sie ihr Kind: Nach einiger Zeit reagieren die Babys auf diesen Laut, die Eltern können sie in regelmäßigen Abständen zum Wasserlassen animieren und sich unangenehme Situationen etwa in der U-Bahn ersparen. Zudem führen die Eltern über Essen, Schlafen und Entleeren Buch, um Regelmäßigkeiten herauszufiltern und nassen Hosen vorzubeugen.

Diese Art des Großwerdens sei besonders "artgerecht", meinen die Journalistinnen Nicola Schmidt und Julia Dibbern, die das "Projekt Artgerecht" im Internet erklären. "Babys sind von Geburt an ,dicht'. Wann Kinder sauber werden können, hat mehr mit der Überzeugung der Eltern zu tun als mit den Kindern."

Zweifelsohne haben auch Naturvölker keine auslaufsicheren Pampers, und weltweit ist jedes zweite Kind vor dem ersten Lebensjahr sauber, denn Windeln sind in Afrika, Asien, Lateinamerika und auch in Osteuropa nicht der Regelfall. Das Gerede von der körperlichen Reife, die vorhanden sein müsse, bevor ein Kind sauber werden könne, sei Unsinn, meinen Schmidt und Dibbern.