Riskanter Alkoholkonsum "Das intellektuelle Niveau sinkt"

Millionen Deutsche trinken gefährlich viel Alkohol. Das kann langfristig verheerende Folgen haben. Ein Suchtforscher erklärt, wie die Droge Psyche und Persönlichkeit verändert - und warum es sich lohnt, rechtzeitig aufzuhören.

Von Nina Buschek

Millionen Deutsche trinken gefährlich viel Alkohol. Wie sich jahrelanger Konsum auf die Psyche auswirkt, erklärt Michael Soyka, der seit 25 Jahren an den Folgen der Abhängigkeit forscht. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie lehrt an den Universitätskliniken München (LMU) und Bern und leitet eine psychiatrische Privatklinik im schweizerischen Meiringen.

Süddeutsche.de: Prof. Soyka, was richtet Alkohol im Menschen an?

Micheal Soyka: Alkohol ist ein Zellgift. Langfristig hinterlässt er überall im Körper Spuren, auch im Gehirn. Das Frontalhirn, das über Persönlichkeit und Kritikvermögen entscheidet, ist besonders sensibel für Alkohol.

Süddeutsche.de: Wie äußert sich eine Hirnschädigung durch Alkohol?

Soyka: Das Reaktionsvermögen lässt nach, die Kritikfähigkeit schwindet, das Gefühlsleben gerät außer Kontrolle - man lacht über Dinge, über die man früher vielleicht nicht gelacht hätte. Das intellektuelle Niveau sinkt. Bei ausgeprägten Hirnschäden leiden Konzentration, Kurzzeitgedächtnis und Merkfähigkeit. Das kann bis zur Demenz gehen. Seltener sind Psychosen, Wahngedanken oder Sinnestäuschungen. Eine Extremform ist das Wernicke-Korsakow-Syndrom mit völligem Gedächtnisverlust.

Süddeutsche.de: Was passiert denn im Gehirn? Sterben die Nervenzellen ab?

Soyka: Ja, das kann man mit bildgebenden Verfahren auch messen. Der Alkohol wirkt toxisch auf die Neuronen. Dazu kommen Leberstoffwechselstörungen und verschiedene andere Faktoren, die den Nervenzellen zusetzen.

Süddeutsche.de: Muss man ein starker Trinker sein, oder sterben die Hirnzellen schon von einem Feierabendbier?

Soyka: In der Regel ist es ein schleichender Prozess. Man geht davon aus, dass das Risiko für körperliche Folgeschäden mit der Trinkmenge exponentiell ansteigt. Das heißt, es passiert bei niedrigen Dosen lange nichts, dann aber steigt das Risiko massiv an. Wann die kritische Schwelle überschritten ist, kann man letztlich nicht mit Sicherheit sagen. Wir Forscher können nur Aussagen über ein statistisches Risiko treffen. Ich denke, wer fünf bis zehn Jahre sehr viel getrunken hat, hat in der Regel eine gewisse Hirnschädigung. Natürlich gibt es immer mal einen Patienten, der eine Flasche Wodka am Tag trinkt und keinen Gehirnschaden hat. Aber das ist die große Ausnahme.