Riechstörungen Unterschätzte Nasen

Der Verlust des Geruchssinns kann ein sehr frühes Anzeichen für eine Alzheimer- oder Parkinsonerkrankung sein. Ärzte fordern nun, Riechstörungen mehr Beachtung zu schenken.

Von Christina Berndt

Mitten im Gesicht, und trotzdem missachtet: Die Nase, wenn sie nicht gerade einer Kleopatra gehört oder von einem Promi-Chirurgen zurechtgestutzt wurde, wird mitsamt ihren Leistungen allzu oft unter Wert betrachtet. Sogar Philosophen haben sie verkannt. So bemerkte Immanuel Kant einmal, Riechen sei der undankbarste aller Sinne, "denn es giebt mehr Gegenstände des Ekels, als der Annehmlichkeit, die er verschaffen kann".

Und doch bedeutet es viel Leid, wenn der Geruchssinn schwindet. Ohne ihn schmeckt der Mensch kaum etwas, auch funktionieren Erinnerungen oft über die Nase. "Eine Riechstörung kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen", schreiben Karl-Bernd Hüttenbrink vom Universitätsklinikum Köln und Antje Hähner von der TU Dresden im Deutschen Ärzteblatt. Aber nicht nur deshalb fordern sie ihre Ärztekollegen auf, bei Patienten künftig stärker auf etwaige Riechstörungen zu achten. Sondern auch, weil diese ein ernstes Warnzeichen sein können. Denn häufig ist der Verlust des Geruchssinns ein frühes Symptom einer Krankheit, bei der Nervenzellen im Gehirn zugrunde gehen: Parkinson und Alzheimer gehören zu diesen neurodegenerativen Erkrankungen.

Drei Viertel aller Parkinson-Patienten seien von Riechstörungen betroffen, so Hüttenbrink und Hähner, bei Alzheimer seien es mehr als die Hälfte. Dabei beginnt der Riechverlust oft viele Jahre, bevor sich der Alzheimer mit Gedächtnislücken äußert oder die Parkinson-Krankheit mit ihrem Zittern. Wenn diese Leiden frühzeitig erkannt würden, so Hüttenbrink und Hähner, könne zeitnah mit der Therapie begonnen werden.

Ein bisschen Riechverlust ist normal. "Wie das Hören lässt auch das Riechen im Laufe des Lebens etwas nach", sagt Thomas Stark, Oberarzt in der Hals-, Nasen-, Ohren-Klinik des Münchner Klinikums rechts der Isar. Bei rund fünf Prozent aller Deutschen sind die Probleme mit dem Riechen allerdings überdurchschnittlich groß; und vom 50. Geburtstag an sogar bei 25 Prozent.

Trotzdem muss, wer den Geruch von Kaffee oder Blumen nicht mehr so stark wahrnimmt wie früher, nicht gleich eine Demenz befürchten. Eine Riechstörung kann auch andere Ursachen haben. "Manche Patienten riechen infolge einer Virusinfektion plötzlich nicht mehr", so Stark. Zudem können Verletzungen des Riechnervs, Polypen oder chronische Nasennebenhöhlenentzündungen Probleme verursachen.

Ein Riechtest bringt Gewissheit

Den Verdacht, dass die Nase nachlässt, kann ein Riechtest bestätigen: "Früher ließ man die Patienten an Vanilleschoten oder Zimtstangen schnuppern", sagt HNO-Arzt Stark. Inzwischen gebe es kommerzielle "Sniffin' Sticks". Die Patienten sollen sagen, ob diese etwa nach Apfel, Kaffee oder Lavendel riechen.

Mit diesen Sticks hat Hüttenbrink auch ein Riechtraining entwickelt: In einer Studie ließ er Patienten zweimal täglich schnüffeln. Rose, Eukalyptus, Zitrone, Klee. Das kann zwar keine zerstörerische Krankheit wie Parkinson oder Alzheimer abwenden. Aber das Riechvermögen der trainierten Nasen besserte sich tatsächlich etwas. Hüttenbrinks Studienteilnehmer freuten sich jedenfalls über ihren geschärften Geruchssinn - auch wenn Kant befand: "Es belohnt nicht, ihn zu cultiviren, oder wohl gar zu verfeinern."