Reproduktionsmedizin Familienplanung ohne Grenzen

Künstliche Befruchtung: Ein Spermium wird mit einer ganz feinen Nadel in eine Eizelle gesprizt.

(Foto: epd)

In England werden bald Babys mit drei Eltern zur Welt kommen. Und längst sind andere Konstellation denkbar. Hoffentlich lernt die Menschheit, die neuen Möglichkeiten vorsichtig zu nutzen.

Kommentar von Hanno Charisius

Noch in diesem Jahr könnten in England Babys mit drei biologischen Eltern zur Welt kommen. Die zuständige Behörde hat am Donnerstag dem Antrag zweier Frauen zugestimmt, bei ihnen eine Mitochondrien-Austauschtherapie zu versuchen, damit sie gesunde Kinder zur Welt bringen können. Jetzt gehen Reproduktionsmediziner in Newcastle ins Labor und verschmelzen Eizellen der Frauen, die einen Gen-Defekt in ihren Mitochondrien haben, der zu einer schweren Erbkrankheit führt, mit Spermien ihrer Männer. Bevor sich ein Embryo entwickeln kann, werden die Chromosomen in eine gesunde Eizelle übertragen, deren Erbgut zuvor entfernt wurde. Weil Mitochondrien, die den Körper mit Energie versorgen, selbst ein paar Gene besitzen, werden die Kinder Erbanlagen dreier Menschen in ihren Zellen tragen.

Wen es bei solchen Konstrukten gruselt, sollte sich jetzt besser hinsetzen und tief durchatmen. Denn solche Drei-Eltern-Babys sind nur die ersten Vorboten einer ganzen Kinderschar, die nicht mehr durch klassische Familienplanung auf die Welt kommen wird. Fortschritte in der Stammzellforschung machen es möglich. Im Labor lassen sich heute bereits Zellen von Erwachsenen biochemisch zu Eizellen oder Spermien reprogrammieren.

Bald braucht es nicht mal mehr Mann und Frau, um Kinder zu zeugen

Schreitet diese Art der Forschung voran, braucht es bald nicht einmal mehr Mann und Frau, um Nachwuchs zu zeugen. Jede Konstellation ist denkbar: Mann und Mann, Frau und Frau, drei Eltern oder auch ganz allein, indem etwa ein Mann aus seinen Hautzellen Spermien und Eizellen machen lässt. Dann braucht er nur noch eine Leihmutter, die das Baby austrägt. Die Möglichkeiten zum Missbrauch der neuen Techniken sind ebenfalls kaum überschaubar.

Soll man alles machen, was technisch möglich ist? Natürlich nicht. Der Kinderwunsch mancher Menschen ist bloß ein sehr starker Motor und die Reproduktionsmedizin ein Markt ohne Grenzen. Ist hier ein Verfahren nicht erlaubt, fährt man einfach in ein Land, in dem das kein Problem darstellt. Deshalb ist es gut, dass es noch Jahre und Jahrzehnte dauern wird, bis diese Kinder zur Welt kommen. Genug Zeit, um sich an neue Familienkonstellationen zu gewöhnen, aber auch lang genug, um hoffentlich zu lernen, die neuen Möglichkeiten vorsichtig zu nutzen.

Louise Brown war 1978 der erste Mensch, der per künstlicher Befruchtung auf die Welt kam. Der erste Mensch, dessen Eltern keinen Geschlechtsverkehr haben mussten, um Nachwuchs zu bekommen, der die eigenen Erbanlagen trägt. Damals wurde ihre Zeugung im Reagenzglas mit alchemistischem Treiben verglichen, ihre Eltern wurden angegriffen, Kirchenvertreter entdeckten darin das Werk des Teufels. Hoffentlich werden die neuen Menschenkinder eines Tages freundlicher begrüßt.

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