Radioaktive Strahlung Fukushimas erster Krebsfall

Noch viele Jahre lang werden Arbeiter auf dem Reaktorgelände tätig sein.

(Foto: Shizuo Kambayashi/AP)

Die japanische Regierung hat erstmals eine Krebserkrankung als Folge des Reaktorunglücks von Fukushima bestätigt. Warum nur diesen einen Fall?

Von Patrick Illinger

Viereinhalb Jahre nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima hat das Gesundheitsministerium des Landes das erste Strahlenopfer anerkannt. Der heute 41-jährige Mann hat demnach in den Jahren 2012 und 2013 bei den Notfall- und Aufräummaßnahmen auf dem Reaktorgelände geholfen. Nun ist er an Leukämie erkrankt. "Der Fall erfüllt die Kriterien", sagte ein Behördenvertreter am Dienstag in Tokio. Andere Krankheitsursachen könnten ausgeschlossen werden.

Wem das Ausmaß des Unglücks im Jahr 2011 noch gegenwärtig ist, erscheint diese Meldung zunächst fragwürdig: Nur ein einziger Krebsfall, und das erst Jahre nach dem Unglück? Tatsächlich lief der Unfall nach dem Tsunami vom 11. März 2011 glimpflicher ab als die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986, wo Arbeiter bereits während des Unglücks wie auch im Zuge der Aufräumarbeiten akut verstrahlt wurden. Die Abläufe in Fukushima waren besser koordiniert. Zudem ist es generell schwer, eine einzelne Krebserkrankung zweifelsfrei einer unmittelbaren Ursache zuzuschreiben. Üblicherweise lässt sich allenfalls eine statistische Häufung von Tumoren feststellen, zum Beispiel an der Schilddrüse. Das sind jedoch Leiden, die auch ohne Strahlenbelastung vorkommen.

Dies gesagt, bestehen wenig Zweifel daran, dass Japans Regierung die wissenschaftlich schwer belegbare Ursache-Wirkung-Kette ausnützt, um das Ausmaß des Unglücks kleinzureden. Bei Ultraschalluntersuchungen an den 370 000 Kindern der Provinz Fukushima wurden im August dieses Jahres 137 Verdachtsfälle von Schilddrüsenkrebs festgestellt. Während die japanische Regierung darauf beharrt, dass solche Fälle nur aufgrund der verstärkten Untersuchungen zutage kamen und sonst nicht entdeckt worden wären, sehen unabhängige Strahlenschützer wie Toshihide Tsuda eine 20- bis 50-fach erhöhte Krankheitsrate in der Provinz. Diese Berechnungen kritisieren allerdings auch internationale Fachleute wie der Epidemiologe Scott Davis von der University of Washington sowie die Weltgesundheitsorganisation.

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Es ist absehbar, dass sich der Streit um die Opferzahlen von Fukushima ähnlich hinziehen wird wie die Debatte um die Opfer von Tschernobyl. Während das zuständige UN-Expertengremium heute 6000 zusätzliche Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Russland, Weißrussland und der Ukraine angibt (von denen sich die meisten erfolgreich behandeln ließen), behaupten atomkritische Organisationen weiterhin, es gebe Zehntausende, wenn nicht sogar Millionen Strahlenopfer.

Anders als in Tschernobyl wurde in Japan die Umgebung vor der Explosion des ersten Blocks evakuiert. Außerdem wurden rasch Jodtabletten ausgegeben. Messungen der radioaktiven Belastung an Kindern eines Dorfes bei Fukushima sowie an Arbeitern zeigten kurz nach dem Unfall weit geringere Belastungen als seinerzeit in Tschernobyl. Dennoch löst der Fall des nun erkrankten japanischen Arbeiters Schockwellen aus: Wirtschaftsfachleute rechnen mit einem Schwung von Schadenersatzklagen, die den Kraftwerksbetreiber Tepco und den japanischen Staat hart treffen könnten.

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