Psychologie der Impfgegner Meinungen entstehen unbewusst

Doch die Sache hat einen Haken. Die Forscher fragten ihre Probanden danach erneut, ob sie in Zukunft bereit wären, sich gegen die saisonale Grippe immunisieren zu lassen. Und unter den Befragten, die Impfungen mit großer Skepsis betrachteten, nahm die Bereitschaft nach der Korrektur der Fehlinformation sogar ab.

Diese Probanden hatten also verstanden, dass eine ihrer Ängste unbegründet war. Aber als Konsequenz daraus wollten sie erst recht keine Impfung akzeptieren - wie passt das zusammen? Zunächst fügt sich der Befund in ähnliche Ergebnisse ein, es handelt sich wohl nicht um einen Zufallstreffer.

Eine langgehegte Ansicht aufzugeben, ist schwer

Bei Studien zum Umgang mit Mythen rund um die Masern-Mumps-Röteln- oder die Diphtherie-Keuchhusten-Tetanus-Impfung hatte sich ebenfalls gezeigt: Die teilnehmenden Eltern mit den größten Sorgen nahmen die Korrektur von Fehlinformationen wahr und weigerten sich erst recht, ihre Kinder impfen zu lassen. Nyhan und Reifler interpretieren diese Befunde als Hinweis, wie sehr Menschen ihre Einstellungen verteidigen: Wenn ein Argument wegfällt, dann begründen Skeptiker ihre Haltung eben mit einem anderen Punkt.

Psychologen weisen seit langem auf einen Umstand hin, der wenig schmeichelhaft für das Selbstbild des Menschen als rationales Wesen ist. Haltungen entstehen eher unbewusst, erst dann begibt man sich auf die Suche nach Argumenten, mit denen sich diese Meinungen scheinbar absichern lassen. Und das gilt für jeden, nicht nur in Impffragen.

Eine langgehegte Ansicht aufzugeben, bereitet Unbehagen. So erklärt sich wohl auch die Beobachtung, dass sich Impfgegner einer Immunisierung noch heftiger verweigern, wenn sie eines ihrer Argumente verlieren. Die Ablehnung ganz aufzugeben, bedeutet nämlich, einen lange verteidigten Fehler mit potenziell gravierenden Folgen für sich und die eigenen Kinder einzugestehen. Das schmerzt, außer man behält die Meinung trotz widerlegter Argumente bei.