Psychiatrie im Nationalsozialismus Als Kliniken zu Mordanstalten mutierten

Eines der Opfer: Die Hausfrau Irmgard Heiss starb 1944 an den Folgen des jahrelangen Aufenthaltes in der Hungeranstalt Weilmünster.

(Foto: Familienarchiv Stellbrink)

Die Opfer kamen aus der Mitte der Gesellschaft, die Täter auch. Bis zu 400 000 kranke Menschen wurden zwangssterilisiert, mehr als 200 000 systematisch ermordet. Jetzt erinnert eine Ausstellung an die Verbrechen der Psychiatrie im Nationalsozialismus.

Von Christian Weber

Es schien nur so ein nettes Foto aus dem Familienalbum zu sein, die 14-jährige Tante Marianne mit ihrem damals vier Monate alten Neffen Gerhard Richter auf dem Schoß, sie lächelt scheu. Der heute weltberühmte Maler nahm es als Vorlage für sein gleichnamiges Bild, das er 1965 in seinem bekannten fotorealistisch-verwischten Stil verfertigte. Ähnlich harmlos wirkt Richters ebenfalls Mitte der 60er-Jahre entstandenes Gemälde "Familie am Meer", das seine erste Ehefrau als Kind beim Badeurlaub an der Ostsee zeigt, gemeinsam mit ihren Eltern und dem Bruder.

Erst 40 Jahre später recherchierte ein Journalist die Geschichten hinter den beiden Bildern, die dem Maler selbst gar nicht bekannt waren: Marianne Schönfelder, mutmaßlich an Schizophrenie erkrankt, wurde 1938 zwangssterilisiert und 1945 in der Tötungsanstalt Großschweidnitz ermordet. Richters Schwiegervater Heinrich Eufinger, ein Gynäkologe, war als Direktor der Städtischen Frauenklinik in Dresden verantwortlich für Hunderte Zwangssterilisationen. Welch grausame Ironie: Opfer und Täter des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms finden sich in einer Familie vereint. Beim Blättern im Familienalbum öffnen sich die Abgründe der deutschen Geschichte.

Mit gutem Grund setzen die Kuratoren der Wanderausstellung "Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus" auf die Überzeugungskraft der Bilder und Schicksale und präsentieren auch eine Reproduktion von Gerhard Richters Gemälde.

Die Zahlen und Fakten sind ja schon länger bekannt: Bis zu 400 000 kranke und behinderte Menschen wurden in der Nazi-Zeit zwischen 1933 und 1945 in Deutschland zwangssterilisiert, mehr als 200 000 systematisch ermordet. In Kooperation mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Stiftung Topographie des Terrors hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) deshalb diese Ausstellung in Auftrag gegeben. Sie zeigt mit Fotos, Briefen und Dokumenten, dass sich die deutsche Psychiatrie endgültig an die Aufarbeitung ihrer Geschichte gemacht hat. Sie will jene Opfer ins Zentrum rücken, die lange am Rande des öffentlichen Interesses und Gedenkens standen.

Mit einer "Fotoalbum" genannten Abteilung beginnt in logischer Konsequenz der Rundgang. Ganz normale Schwarz-Weiß-Porträts, wie sie jeder im Keller oder auf dem Dachboden finden kann, zeigen die Opfer: Büroangestellte, Hausfrauen, Kinder, ein paar Künstler, Krankenschwestern. Von vielen weiß man heute nicht mehr viel mehr, als wann und wo sie ermordet wurden, weil sie auf irgendwelchen Listen auftauchten - in Hadamar, Grafeneck, Sobibor, Pirna-Sonnenstein oder Kaufbeuren-Irsee, in Häusern, die eigentlich der Heilung und Pflege dienen sollten und dann zu Mordanstalten mutierten.