Psychiatrie Erfahrene Forensiker fehlen in Deutschland

Schwieriger wird es bei der Einweisung in die forensische Psychiatrie oder Maßregelklinik. Hier sitzen zu einem großen Teil schwere Gewalt- und Sexualstraftäter hinter hohen Mauern, Panzerglas und Stacheldraht. Sie haben bereits Morde und Vergewaltigungen begangen, wurden aber wegen einer einschlägigen psychischen Störung für nicht oder vermindert schuldfähig erklärt. Wegen ihrer vermuteten Gefährlichkeit werden sie aber auf unbestimmte Zeit verwahrt. Genau dies ist auch Mollath passiert, der nach der ursprünglichen Ansicht des Gerichts seiner Frau schwere Körperverletzungen zugefügt hatte und unter Wahnvorstellungen leidet.

Der aus Nürnberg stammende Gustl Mollath ist seit mehr als sechs Jahren in der Psychiatrie untergebracht. Eventuell wird sein Fall demnächst erneut begutachtet.

(Foto: dpa)

Hier stehen die Psychiater vor einer eigentlich unlösbaren Aufgabe, zu der es in unserem Rechtssystem aber keine Alternative gibt: Sie müssen voraussagen, ob ein Mensch in Zukunft gefährlich sein wird. Noch gibt es keine Bluttests oder Hirnbilder, die zuverlässig auf das Risiko schließen lassen. Selbst eine einfach zu diagnostizierende schizophrene Störung bedeutet keinesfalls, dass ein Betroffener prinzipiell gefährlich sein muss.

Menschliches Verhalten ist nur begrenzt vorhersagbar. Dennoch handelt es sich bei der forensischen Prognostik nicht um Wahrsagerei. In den letzten Jahrzehnten hat die Wissenschaft Standards entwickelt, mit denen sich nachvollziehbare Voraussagen machen lassen. So kann der Experte durch das Studium der Akten ein Tatmuster erkennen, das auf Persönlichkeit und Verhaltensneigungen schließen lässt. Es gibt statistisch validierte Prognoseinstrumente, mit denen sich das durchschnittliche Rückfallrisiko grob abschätzen lässt.

In langen Gesprächen wird der erfahrene Gutachter herausfinden, ob etwa ein Totschlag nur Folge einer einmaligen, unglücklichen Beziehungskonstellation war oder ob mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Folgetaten zu erwarten sind. Wer sich in seiner Biografie, seinem Tatmuster, in den Checklisten und vor allem im Gespräch als hochgradiger Psychopath erweist, der sollte nicht mehr frei kommen.

Das Problem ist eher der Graubereich der unklaren Fälle, wo ein Täter weder völlig harmlos noch hochgradig gefährlich erscheint. Manche Studien lassen vermuten, dass unsichere Experten im Zweifel vorsorglich für das Wegschließen plädieren. Stichproben zeigen, dass viele Gutachten noch nicht mal den Mindeststandards genügen. Offenbar fehlt es in Deutschland immer noch an erfahrenen Forensikern. Dennoch muss ein unbescholtener Bürger nicht befürchten, dass er plötzlich hinter den Gittern der Maßregelklinik landet. Und schon gar nicht sollte er sich vor einem Aufenthalt in der psychiatrischen Station eines Allgemeinkrankenhauses fürchten.