Physiologie Seufzen ist der Stuhlgang der Seele

Tief durchatmen: Seufzen ist gesund, das weiß auch George W. Bush.

(Foto: REUTERS)

Jeder macht es: Ein paar Mal am Tag ganz tief durchatmen. Warum aber seufzen Menschen?

Von Felix Hütten

Spätestens seit der traurigen Szene im Klassiker Casablanca gilt bei vielen Menschen eine Lebensweisheit: "A kiss is still a kiss, a sigh is just a sigh ..." Ein Kuss ist immer noch ein Kuss, ein Seufzer ist bloß ein Seufzer.

Doch so einfach ist es nicht mit der Liebe - und auch nicht mit dem Seufzen. Ein Erwachsener seufzt im Schnitt alle fünf Minuten, also zwölf Mal in der Stunde - meist ohne es selbst zu bemerken. Die Frage ist: Warum tun Menschen das? Forscher suchen bereits seit Jahren eine Antwort. Neurowissenschaftler konnten die Vermutung erhärten, dass Seufzen eine wichtige Funktion im Körper erfüllt und nicht - wie oft vermutet - ein angelerntes Verhalten ist.

Atmen ohne aktives Nachdenken

Das Atemzentrum im Hirnstamm ist ein wichtiger Taktgeber der Atmung. Zwar können Menschen willentlich ihre Atmung stoppen oder beschleunigen - doch grundsätzlich ist das Atmen ein automatischer Vorgang, der glücklicherweise auch ohne aktives Nachdenken funktioniert. Wissenschaftler der University of California haben kürzlich im Fachmagazin Nature zwei kleine Neuronenanordnungen im Gehirn vorgestellt, die unter Verdacht stehen, normale Atemzüge in Seufzer zu verwandeln.

Jede Neuronenart "funktioniert wie ein Knopf, der verschiedene Arten der Atmung aktiviert", sagt Mark Krasnow, Biochemiker und Autor der Studie. "Ein Knopf steuert normale Atemzüge, ein anderer Seufzer."

Selbst Mäuse können seufzen. Krasnow und seine Kollegen haben in Mäusegehirnen Signalstoffe gefunden, die einige Gehirnzellen des Atemzentrums aktivieren. Wurden die Signale im Gehirn blockiert, seufzten die Testtiere weniger - oder gar nicht mehr.

Seufzen ist wichtig

Die Wissenschaftler hoffen, diesen komplexen Signalweg im Gehirn noch besser zu verstehen, um eines Tages Menschen therapieren zu können, bei denen das Atemzentrum beschädigt ist. Denn Seufzen ist überlebenswichtig. Durch den tiefen Atemzug werden abgelegene Lungenbereiche belüftet, die bei der normalen Atmung nicht mit Sauerstoff versorgt werden. "Wenn man nicht seufzt, kann die Lunge irgendwann nicht mehr atmen", sagt Jack Feldmann von der University of California.

Doch Seufzen ist mehr als das. Seufzen ist ein Signal an unsere Umwelt. Wer seufzt, ist unglücklich, genervt oder müde. Komischerweise aber seufzen Menschen auch bei Glück, Zufriedenheit und Entspannung. Wie kann das sein?

Löst Seufzen Druck?

Eine wissenschaftliche Antwort auf diese Frage gibt es noch nicht. Scherzhaft sagen manche Forscher, Seufzen sei der Stuhlgang der Seele. Bereits im Jahr 2006 ist der norwegische Psychologe Karl Halvor Teigen dieser gewagten These nachgegangen. Gemeinsam mit seinen Studenten konnte er zeigen, dass Menschen bei geistiger Konzentration häufiger seufzen.

Teigen schlussfolgert, dass Seufzen Druck lösen kann und zudem ein wichtiger Bestandteil der zwischenmenschlichen Kommunikation ist. Dies könnte erklären, warum Seufzer als non-verbale Unterhaltungsform beinahe universell einsetzbar sind. Denn anderen Menschen beim Seufzen zuzuschauen, kann auch richtig lustig sein. Hier der Beweis: