Pharmaindustrie "Umsatz geht vor Sicherheit"

Medikamentenstudien werden immer wieder manipuliert, wenn große Pharmafirmen daran beteiligt sind, sagt David Klemperer von der Hochschule Regensburg.

Von Werner Bartens

Ein Fußballverein meldet einen hohen Sieg von 5:0. Der andere berichtet von einem 3:1 für die eigene Mannschaft. Das Problem daran ist, dass beide Clubs vom selben Spiel sprechen.

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Als die Firma Lilly ihr Psychopharmakon Olanzapin in fünf Studien mit dem Konkurrenzprodukt Risperidon verglich, ging es 5:0 für Olanzapin aus. Die vier Studien der Firma Janssen ergaben hingegen ein 3:1 für das hauseigene Risperidon.

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Diesen Vergleich wählt der Arzt David Klemperer von der Hochschule Regensburg, um die Manipulation von Medikamentenstudien zu beschreiben, wenn die Pharmaindustrie beteiligt ist.

"Marketing geht vor Evidenz, Umsatz vor Sicherheit", sagt Klemperer. "Und alle großen Pharmafirmen sind beteiligt."

Klemperers Fußballanalogie ist keineswegs übertrieben: Als die Firma Lilly ihr Psychopharmakon Olanzapin in fünf Studien mit dem Konkurrenzprodukt Risperidon verglich, ging es 5:0 für Olanzapin aus. Die vier Studien der Firma Janssen ergaben hingegen ein 3:1 für das hauseigene Risperidon.

Im Deutschen Ärzteblatt, das Ende dieser Woche erscheint, hat ein Ärzteteam untersucht, auf welche Weise und in welchem Umfang Studiendaten verzerrt und zurechtgebogen werden, wenn die Pharmaindustrie die Studien finanziert. Betroffen sind potentiell alle Arzneimittelgruppen; jeder kann geschädigt werden.

Als Extremfall gilt der Vioxx-Skandal. Das Schmerzmittel von Merck & Co führte nach Expertenschätzungen zu mehr als 160.000 Herzinfarkten und Schlaganfällen, bis es 2004 vom Markt genommen wurde.

Intern war das Gefährdungspotential früh bekannt. "Durch manipulative Auswertung und selektive Weitergabe von Daten hat der Hersteller der Öffentlichkeit das Wissen um die Schädlichkeit vorenthalten", sagt Klemperer.

Die Wissenschaftler um Wolf-Dieter Ludwig, den Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, beschreiben die Tricks der Manipulateure: Statt neue Mittel mit etablierten Konkurrenzprodukten zu vergleichen, werden sie Scheinpräparaten gegenübergestellt, denen sie natürlich überlegen sind.

Treten in Tests bei höherer Dosierung mehr Nebenwirkungen auf, wird für die Studie eine niedrigere Dosis gewählt, auch wenn in der Praxis die höhere empfohlen wird. Zeigt sich, dass ein Präparat bei längerem Gebrauch zu mehr Nebenwirkungen führt, wird das Ende der Studie vorverlegt.

Fallen die Resultate schlecht aus, werden sie oft gar nicht publiziert, dabei wären gerade Daten über Misserfolge wichtig, um Patienten zu schützen und nicht nutzlosen Behandlungen auszusetzen.

Eine weitere beliebte Technik: Ghostwriter und Gastautoren verzerren die Interpretation der Daten zugunsten eines Präparats. Meinungsbildner, die Honorare von den Firmen bekommen, tragen die einseitigen Ergebnisse auf pharmafinanzierten Fortbildungen an Haus-, Fach- und Klinikärzte weiter. Der Branchenspott nennt sie "Mietmäuler".

Ludwig kritisiert, dass mit frisierten Studien ethische Prinzipien verletzt würden: Klinische Forschung wird ja nur betrieben, "wenn Ärzte unsicher sind, welche Therapiealternative für den Patienten von größerem Nutzen ist". Hält die Pharmaindustrie Daten zurück oder verdreht sie, geraten Patienten in Gefahr und Ärzte werden getäuscht.

Folgerichtig hat die Bundesärztekammer die aktuelle Untersuchung gefördert. Etwas Abhilfe würde eine verbindliche öffentliche Registrierung aller Studien vor Beginn schaffen, wie sie Studienexperte Gerd Antes seit Jahren einfordert. Dann könnte nachgehakt werden, was aus einer Untersuchung geworden ist, Misserfolge ließen sich schwerer verschleiern. "Nicht schaden muss auch für die pharmazeutische Industrie oberstes Gebot werden", fordert Klemperer.