Pfusch in der Pharmaindustrie Wenn Menschen zu Versuchskaninchen werden

Arzneimittelversorgung und Krankenhaus-Qualitätsreport 2012 ARCHIV - ILLUSTRATION - Tabletten liegen auf dem Tisch einer Apotheke in Briesen (Brandenburg), aufgenommen am 16.03.2010. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) gibt am 19.09.2013 in Berlin eine Pressekonferenz zur Arzneimittelversorgung und dem Krankenhaus-Qualitätsreport 2012. Foto: Patrick Pleul/dpa (zu dpa-Meldung vom 19.09.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Medikamententests an Menschen sind heikel, aber auch besonders wichtig. Umso schlimmer, wenn wie im aktuellen Fall bei Studien gepfuscht wird. Nicht nur die Pharmafirmen, auch die Behörden haben versagt.

Kommentar von Christina Berndt

Bei Debatten über Medikamentenstudien liegt der Gedanke an menschliche Versuchskaninchen stets nahe. Aber auch wenn manche Assoziation richtig sein mag: Der Vergleich ist in der Sache falsch. Kaninchen profitieren in der Regel nicht von den Versuchen, an denen sie unfreiwillig teilnehmen; Menschen schon: Wenn alles ordnungsgemäß läuft, sind sie über die Risiken aufgeklärt und nehmen diese in Kauf. Weil sie Geld dafür bekommen oder weil sie ein neues, vielversprechendes Medikament einnehmen dürfen - oder weil die Gesellschaft von dem Erkenntnisgewinn durch den Versuch profitiert.

Medizinische Studien an Menschen sind ein besonders heikles Thema. Sie sind aber auch besonders wichtig. Ohne solche Experimente ist kein Fortschritt bei Arzneimitteln möglich. Computertests, Zellstudien, Tierversuche können noch so vielversprechende Ergebnisse liefern: Was ein Medikament taugt, lässt sich immer erst im Praxistest am Menschen herausfinden. Dass diese Tests nach höchsten medizinischen und ethischen Standards verlaufen, muss allerdings angesichts der Risiken für die Versuchspersonen gewährleistet sein.

Eben das ist oft genug nicht der Fall, wie jetzt erneut die Unregelmäßigkeiten bei der indischen Forschungsfirma GVK Bio zeigen, die für internationale Pharmakonzerne, darunter auch deutsche, klinische Studien vorgenommen hat. Nach Meinung deutscher Behörden haben Mitarbeiter bei GVK Bio Daten gefälscht, so dass die Experimente nun wertlos sind.

Firmen müssen auf strenge Kontrollen bestehen

Der wohl größte Studienskandal der vergangenen Jahre reiht sich ein in immer neue negative Berichte über Forschungsfirmen in Schwellenländern. Nichtsdestotrotz folgen Pharmakonzerne unablässig dem Trend, ihre Arzneien in solchen Ländern zu testen - wohl nicht nur, weil die Forschung dort billiger ist, sondern auch, weil die Kontrollen laxer sind. Es wäre die Pflicht der Firmen, dafür zu sorgen, dass ihre Auftragnehmer nach westlichen Standards arbeiten. Doch sie geben an, nichts von den Betrügereien in Indien gewusst zu haben. Sie wollten wohl auch nichts davon wissen.

Auch die Behörden haben versagt. Es ist zwar letztlich der französischen Arzneimittelaufsicht zu verdanken, dass GVK Bio nun genauer überprüft wird. Doch scheinen die Fälschungen schon seit vielen Jahren im Gange zu sein, mindestens seit 2008, ohne dass Kontrolleure tätig geworden wären.

Die europäische Arzneimittelbehörde sowie die EU-Kommission sind vor allem eines: sehr pharmanah. Dies zeigt sich nicht nur in fehlenden Kontrollen, sondern wurde zuletzt auch bei der im April verabschiedeten EU-Verordnung für klinische Studien deutlich. Sie war zunächst vor allem auf die Interessen der Industrie ausgerichtet.

Laut dem ersten Entwurf sollten Studien an Menschen nicht einmal mehr von unabhängigen Ethikkommissionen bewertet werden. Erst nach Protesten wurde das geändert. Ethik ist bei Pharmatests aber nicht zweitrangig. Und dabei geht es nicht nur um den Umgang mit Probanden. Wenn eine hohe Qualität der Studien nicht gewährleistet ist, werden Menschen wirklich zu Versuchskaninchen. Nicht nur die Teilnehmer an den Studien. Sondern alle, die die zugelassenen Medikamente am Ende einnehmen.