Pflegeberatung Rätselhafte Regeln

Plötzlich Pflegefall - was tun, wer hilft, wer zahlt? Angehörige und Betroffene fühlen sich oft schlecht informiert.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Jeder Betroffene hat Anspruch auf eine unabhängige und kostenlose Pflegeberatung. Doch nicht einmal jeder Zweite weiß von diesem Recht.

Von Kim Björn Becker

Als seine Mutter nach einem Schlaganfall pflegebedürftig wurde, musste David Graeber schnell eine Entscheidung treffen. Der amerikanische Anthropologe beantragte Pflegehilfe, in den Vereinigten Staaten Medicaid genannt. Es begann ein Papierkrieg mit den amerikanischen Behörden, Anwälte wurden eingeschaltet, und am Ende starb die Mutter, bevor der Antrag bewilligt worden war. Graeber, inzwischen Professor an der renommierten London School of Economics, machte aus seinen Erfahrungen nun eine sozialwissenschaftliche Abhandlung: "The Utopia Of Rules", "Die Utopie der Regeln", so lautet der Titel des im Februar in englischer Sprache erschienenen Buches.

Auch für die Bundesrepublik Deutschland gilt: Wird ein Mensch pflegebedürftig, müssen die Angehörigen - oder der Betroffene selbst, sofern er es kann - zügig entscheiden, wie es weitergeht. Welche Hilfe wird benötigt, wer kann sie leisten und wer kommt für die Kosten auf?

Um Betroffene zu unterstützen, hat der Gesetzgeber zum 1. Januar 2009 einen Rechtsanspruch auf eine unabhängige und kostenlose Pflegeberatung geschaffen. Allerdings wissen auch mehr als sechs Jahre danach nur 38 Prozent der Deutschen überhaupt von ihrem Anspruch - das geht aus einer repräsentativen Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt. Das ZQP ist eine gemeinnützige Stiftung in Berlin, hinter ihr steht der Verband der Privaten Krankenversicherung.

Das Gesundheitsministerium arbeitet an einem Gesetz, das die Pflegeberatung verbessern soll

Die Macher der Studie haben im Februar etwa 2000 Bürger ab 18 Jahren befragt. Insgesamt gaben drei Viertel von ihnen an, über ihre Leistungsansprüche "weniger gut" oder "schlecht" informiert zu sein. Selbst bei jenen, die bereits über persönliche Erfahrung mit der Pflegeversicherung verfügen, empfinden fast zwei Drittel der Befragten ihren Kenntnisstand als unzureichend. Darüber hinaus befanden zwei von drei Personen, dass das Gesundheitssystem in Deutschland allgemein "eher oder sehr unübersichtlich" sei.

"Nicht hinnehmbar" nennt Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP und als solcher Auftraggeber der Studie, den Befund. Suhr fordert Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) daher auf, die Pflegeberatung zu verbessern. Das Ministerium arbeitet gerade an einem Entwurf für ein zweites Pflegestärkungsgesetz, das noch in dieser Wahlperiode in Kraft treten soll. Darin, findet Suhr, müsse das Thema Pflegeberatung "eine zentrale Rolle" spielen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums soll tatsächlich die Beratung verbessert werden - nur wie, das ist noch nicht klar. "Grundsätzlich kommt es nicht nur auf Leistungsverbesserungen an, sondern dass pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen auch über diese Leistungen informiert sind", sagte eine Ministeriumssprecherin.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Jens Spahn (CDU), sagte der SZ, die Pflegeversicherung sei "besser als ihr Ruf". Zugleich sei den Bürgern viel zu wenig bekannt, "was schon alles geht". Daher müsse man schon fragen, was falsch laufe. Elisabeth Scharfenberg, pflegepolitische Sprecherin der Grünen, weiß darauf eine klare Antwort: Das Ergebnis der Studie "wundert mich überhaupt nicht", sagt sie. Da die Pflegeberatung bei den Pflegekassen angesiedelt sei, lägen "Beratungsfunktion und die Entscheidung über Leistungen in einer Hand. So etwas kann nicht gut gehen".

Dazu passt, was die Befragten der Studie über ihre Erwartungen an eine Pflegeberatung sagen: Gut die Hälfte wünscht sich eine unabhängige Beratung (57 Prozent), für jeweils 44 Prozent ist die Nähe zum Wohnort sowie die Tatsache, dass die Beratung kostenlos sein müsse, wichtig. Und knapp ein Drittel (32 Prozent) findet es wichtig, zügig Auskunft zu erhalten.

David Graeber wurde im Übrigen ein Formular zur Beantragung von Medicaid zum Verhängnis. Die Behörde wollte den Antrag partout nicht genehmigen - weil er seine Unterschrift im falschen Feld platziert hatte.