Pestizide Die Politik muss alleine entscheiden

Als Experte trat auch der von der Universität Bremen emeritierte Epidemiologe Eberhard Greiser auf, der in der vergangenen Woche das BfR scharf angegriffen hatte. Seiner Meinung nach habe die Behörde wichtige Studien zur Gefährlichkeit des Stoffs nicht erfasst. Er wirft den amtlichen Prüfern vor, sich zu sehr auf die Zuarbeit der Industrie verlassen haben, beziehungsweise deren Einschätzungen kritiklos übernommen zu haben. Diesen Vorwurf erhob auch der Toxikologe Peter Clausing vom Pestizid Aktionsnetzwerk PAN am Montagvormittag auf einer Pressekonferenz zusammen mit den Nichtregierungsorganisationen BUND und Campact.

Das gesamte Zulassungsverfahren für Pestizide müsse reformiert werden, sagte Heike Moldenhauer vom BUND. Es könne nicht sein, dass sich Mitarbeiter des Bundesamts für Verbraucherschutz (BVL) und Lebensmittelsicherheit als Dienstleister der Unternehmen verstehen. Solch eine Aussage habe sie im Frühjahr in einem Vortrag eines BVL-Mitarbeiters gehört. "Es gibt kein Bewusstsein für Interessenskonflikte." BfR-Präsident Andreas Hensel sagte vor dem Ausschuss: "Es erfüllt mich mit Sorge, wenn wir verdächtigt werden, von Wirtschaft oder Politik beeinflusst zu werden." Sein Institut arbeite unabhängig.

Gift und Geld

Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pestizid der Welt - und es löst wahrscheinlich Krebs aus. Eigentlich sollte der Staat die Bürger vor dieser Gefahr schützen. Von Silvia Liebrich mehr ...

Wissenschaftler können keine eindeutige Antwort geben

Manchmal verstehe er die Diskussion nicht mehr, "ich habe den Eindruck, Glyphosat ist das Chlorhühnchen der Gentechnik geworden." Er betonte, das BfR habe nur den Auftrag gehabt, den Wirkstoff Glyphosat zu beurteilen und nicht die vermarkteten Pflanzenschutzmittel. Diese würden zahlreiche andere Inhaltsstoffe enthalten, die durchaus gefährlich sein könnten, insbesondere im Wechselspiel untereinander. Sein Institut arbeite daran, mit der Europäischen Chemikalienagentur ECHA zu einer vernünftigen Einstufung dieser Beistoffe zu kommen. "Wir sind jederzeit bereit unseren Standpunkt zu revidieren, wenn es entsprechende Fakten gibt."

Die Unterschiede in der Bewertung durch IARC und BfR lassen sich jedoch auch formal erklären: Beide Institutionen haben unterschiedliche Aufträge. Die IARC will herausfinden, welche Stoffe prinzipiell Krebs auslösen können. Die Experten berücksichtigen dabei allerdings nicht, wie stark ein Mensch der untersuchten Substanz jeweils ausgesetzt ist. Weil diese Expositionsabschätzung fehlt, verrät die IARC-Einstufung nicht, wie wahrscheinlich man Krebs bekommt.

Das hingegen wäre eine Risikobewertung wie sie unter das Mandat des BfR fällt. Und die sagt eben: kein bekanntes Krebsrisiko - bei bestimmungsgemäßem Gebrauch. In dieser Einschränkung könnte die Erklärung für die bislang bekannten Verdachtsfälle liegen, in denen Glyphosat Krebs ausgelöst haben könnte. In manchen Ländern werden Felder aus Flugzeugen mit Pestiziden beregnet - dann kann der Wind große Mengen Gift in nahe gelegene Dörfer wehen.

Was die Einschätzung der epidemiologischen Daten angeht, liegen IARC und BfR sehr dicht beisammen, beide sehen begrenzte Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Glyphosat und Non-Hodgkin-Lymphomen, einer schweren Krebserkrankung des Lymphsystems. Doch das Gutachten der IARC betont, dass diese Befunde sich auch anders erklären ließen. Die Daten aus Tierversuchen gewichtet die IARC allerdings tatsächlich anders als das BfR. Ein weiteres Argument der WHO Forscher ist der potenzielle Wirkmechanismus, der in Versuchen an menschlichen Zellen nachvollziehbar ist.

So kommen beide Institutionen zu verschiedenen Einschätzungen, ohne dass eine von beiden einen Fehler gemacht haben müsste. Das bedeutet jedoch, dass die Entscheidung für oder gegen Glyphosat nun in der Hand der Politik liegt. Die Wissenschaft kann zurzeit zu keiner eindeutigen Antwort kommen.