Pestizid Ein vorsorgliches Glyphosat-Verbot ist riskant

Für die Umwelt ist das Pestizid schädlich. Ob es auch Krebs auslöst, wird derzeit diskutiert.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Um wenig wird so verbittert diskutiert wie um den Unkrautvernichter Glyphosat. Das ist gut so - und sinnvoller als das Pestizid vom Markt zu verbannen.

Ein Kommentar von Hanno Charisius

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist kein harmloses Zeug. Die Umweltschäden bei falschem Gebrauch können gewaltig sein, das steht außer Frage. Zurzeit aber wird vor allem über den Verdacht diskutiert, der Stoff könnte Krebs auslösen. Dass dies bei Menschen mit geringer Belastung wie in Europa tatsächlich passiert, erscheint nach heutiger Datenlage als unwahrscheinlich - ganz auszuschließen ist es nicht, wie die Einschätzung der zur WHO gehörenden Krebsforschungsagentur IARC im März gezeigt hat. Bei allen bekannten Verdachtsfällen handelt es sich allerdings um Bauern, die neben glyphosathaltigen auch andere Spritzmittel in großen Mengen beruflich nutzten.

Wer jetzt trotzdem fordert, das Zeug umgehend zu verbieten, vorsorglich, bis die Wissenschaft alle strittigen Punkte geklärt hat, sollte sich das noch einmal gut überlegen. Glyphosat vom Markt nehmen, das kann man natürlich machen. Es gibt Alternativen. Fraglich ist, ob sie besser sind.

Andere Spritzmittel sind weit weniger gut untersucht und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie harmloser sind als Glyphosat. Im Gegenteil. Von vielen ist bekannt, dass sie giftiger sind als Glyphosat, auch wenn sie derzeit nicht unter Krebsverdacht stehen.

Wie gefährlich ist Glyphosat?

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Weil alle anderen zugelassenen Herbizide nicht so zuverlässig gegen alle Arten von Pflanzen wirken, müssten Bauern verschiedene Mittel miteinander kombinieren, um den Effekt von Glyphosat zu erreichen. Für Toxikologen ist das der Horror, denn wie solche Gemische wirken, lässt sich nur extrem schwer vorhersagen.

Steigen die Bauern nicht auf ein Gemisch um, können sich rasch resistente Unkräuter durchsetzen. Mehr Giftfahrten aufs Feld würden nötig, das steigert die Kosten für die Landwirte. Schließlich ist Glyphosat bei ihnen so beliebt, weil es ihnen die mechanische Unkrautbekämpfung und damit viel Arbeit erspart. Und mehr Kontakt mit den Mitteln steigert auch das Risiko, Fehler zu machen.

Die Eskalation ist wichtig, sie entblößt die Schwächen des Zulassungssystems

Und doch ist es gut, dass der Streit um Glyphosat jetzt eskaliert. Denn dadurch werden die Schwächen des bestehenden Zulassungssystems in Europa freigelegt. Studien zur Sicherheit von Pestiziden unter der Obhut der beantragenden Unternehmen und fehlende Transparenz bei den Messdaten erregen den Verdacht, dass die Hersteller nur solche Messungen veröffentlichen, deren Ergebnis für die eigenen Zwecke passend sind.

Solche Rosinenpickerei darf es nicht geben, wenn man das Vertrauen der Verbraucher gewinnen möchte. Das gilt nicht nur bei der Zulassung von Pestiziden, sondern auch in allen anderen Bereichen der Produktsicherheit. Im 21. Jahrhundert ist es der Öffentlichkeit einfach nicht mehr zu vermitteln, warum die Unternehmen nicht nur als Ghostwirter bei der Gesetzgebung mitschreiben, sondern auch noch die Sicherheit ihrer Produkte selbst testen dürfen. Wenn sich diese Praxis durch die aktuelle Diskussion um Glyphosat ändern würde, dann wäre dies ein guter Streit.