Palliativmedizin Das Thema, das keiner will

Die Koalition will die Medizin am Lebensende stärken. Aber was sie tut, ist viel zu wenig. Aus einem einfachen Grund: Es fehlt der öffentliche Druck, die Dinge wirklich zu verändern.

Ein Kommentar von Guido Bohsem

In dieser Woche debattiert der Bundestag über Dinge, über die viele Menschen nur ungern sprechen: menschliches Leiden, quälende Schmerzen, übermächtige Ängste, die Hoffnung auf ein Überleben und die Hoffnung auf einen selbst gewählten Tod. Krankenhausreform, das Gesetz zur Palliativreform und die Regelung der Sterbehilfe hängen eng zusammen. Sie bilden eine Trias, die in einer alternden Gesellschaft die Frage beantworten soll, wie wir mit Leben und Tod umgehen wollen.

Das zentrale Element dieser Trias ist die Palliativmedizin. In Deutschland ist das Krankenhaus der Ort des Sterbens, knapp die Hälfte aller Sterbefälle ereignet sich dort. Gut ein Drittel stirbt in Pflegeheimen, ein Fünftel in der eigenen Wohnung. Die wenigsten Sterbenden erhalten eine gute palliative Begleitung. Eine Behandlung also, die ihnen nicht nur Schmerzfreiheit zusichert, sondern auch Fürsorge.

Zuhören und ein Verständnis für die seelische Lage der Sterbenden und die ihrer Angehörigen - beides ist beinahe ebenso wichtig wie die Linderung der körperlichen Beschwerden. Wer sich in diesem Sinne gut begleitet fühlt, kann immer noch auf den Gedanken kommen, seinem Leben vorzeitig ein Ende zu setzen. Vielen dürfte es jedoch wesentlich lieber sein, das natürliche Ende des Lebens in die Hand einer Person zu legen, der man vertrauen kann, weil sie Hinwendung und Aufmerksamkeit zeigt, Empathie also.

Doch an palliativ ausgebildetem Pflegepersonal fehlt es fast überall, insbesondere in den Kliniken und in den Pflegeheimen. Das nun von der Koalition beschlossene Gesetz versucht zwar, diesen Mangel zu beheben und geht in die richtige Richtung. Doch schon jetzt ist abzusehen, dass es wieder nicht genug sein wird. Denn weder wird sich durch die Reform die Zahl des Personals noch die Qualität der Ausbildung grundlegend ändern. Weiterhin sind die Pflegekräfte zu schlecht bezahlt, weiterhin sind die Belastungen viel zu hoch, die ein beständiger Umgang mit Leid und Tod zur Folge hat.

Wer beschäftigt sich schon mit dem Sterben, solange man fit ist?

Mit dem Gesetz versuchen Union und SPD auch, dem Wunsch vieler Menschen gerecht zu werden, die letzten Lebenstage wenn schon nicht daheim, so doch in einem Hospiz (und eben nicht im Krankenhaus) zu verbringen. Die ambulante Versorgung soll gestärkt werden, die Hospize sollen mehr Geld von den Krankenkassen erhalten. Auch das ist gut und richtig und doch viel zu wenig. Die Hospizbewegung sieht sich auch mit den zusätzlichen Mitteln außerstande, den tatsächlichen Bedarf an Zuwendung zu decken.

Schon die erste große Koalition unter Merkel hatte 2007 einen deutlichen Ausbau der ambulanten Palliativversorgung beschlossen. Doch auch Jahre später hält die Realität nicht ein, was das Gesetz versprach. Der Aufbau einer flächendeckenden Versorgung wurde zwischen den Interessengruppen des Gesundheitssystems zermahlen - und auch die Kassen, denen die Politik diese Aufgabe des Aufbaus zugewiesen hatte, spielten dabei keine besonders rühmliche Rolle.

Der Umgang mit dem Tod bleibt ein ungeliebtes Thema; in der Politik und in der Öffentlichkeit. Das ist nur allzu menschlich. Obwohl das Thema sehr präsent ist, haben viele Menschen eine große innere Scheu, sich damit zu beschäftigen. Es weckt Ängste, zumindest Unbehagen, und wird deshalb von den meisten einfach verdrängt. Ist man dann betroffen, weil es einen Bruder trifft, die Mutter oder einen engen Freund, wächst die Wut. Doch fehlt dann die Energie, sich angesichts der Zustände politisch zu engagieren. Der nötige gesellschaftliche Druck, um wirkliche Veränderungen zu erreichen, entsteht so erst gar nicht. Also werden echte Reformen auch weiter auf sich warten lassen.