Organtransplantation "Dieser Mensch ist nicht für mich gestorben"

"Ich denke ziemlich oft an meinen Spender", sagt Friedrich Meyer. Im Bild: ein Organ auf dem Weg zur Transplantation

(Foto: dpa)

Roland Stahl und Friedrich Meyer leben, weil andere Menschen ihnen ihre Leber gespendet haben. Ein Gespräch über schlechtes Gewissen, Dankbarkeit und den Heißhunger auf Erdbeeren mit Sahne.

Von Luisa Zsolnay

Roland Stahl und Friedrich Meyer sind beide Mitte 60. Sie leben, weil andere Menschen ihnen ihre Leber gespendet haben. Beide leben seit vielen Jahren mit den neuen Organen. Die Nachricht, dass eine Transplantation notwendig ist, erhielten beide von heute auf morgen. Seit 1969 haben mehrere tausend Menschen in Deutschland eine Lebertransplantation erhalten. Weil sie anderen Betroffenen helfen wollen, engagieren sich Stahl und Meyer im Verein für Lebertransplantierte Deutschland.

SZ: Herr Meyer, Herr Stahl, wann haben Sie Ihre Transplantationen erhalten?

Friedrich Meyer: Ich lebe seit mittlerweile 30 Jahren mit einer neuen Leber.

Roland Stahl: Bei mir ist es zehn Jahre her.

Wie haben Sie bemerkt, dass mit Ihrer Leber etwas nicht stimmt?

Meyer: Bei einer Routineuntersuchung, weil ich nach der Arbeit auf einmal immer angeschwollene Füße hatte. Im Krankenhaus wurde ein Leberschaden festgestellt. Kurz darauf bekam ich eine Lungenentzündung und fiel ins Wachkoma. Die Medikamente gegen die Lungenentzündung haben die Leber zusätzlich geschädigt. Es blieb nur noch die Möglichkeit einer Transplantation. Dann bin ich auf die Warteliste gekommen.

Stahl: Ich war kerngesund, dann bekam ich von heute auf morgen eine Lungenembolie, die wieder ausheilte. Allerdings haben die Medikamente meine Leber zerstört.

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Sind diese Verläufe typisch?

Meyer: Nein, normalerweise zieht sich das lange hin. Zum Beispiel wenn der Leberschaden von einer Immunerkrankung ausgeht. Das ist mehreren Leuten in unserer Selbsthilfegruppe passiert. Da wird es langsam immer schlimmer. Irgendwann kann man nicht mehr arbeiten, sitzt nur zuhause und hat Schwellungen vom Bauchwasser und Varizen, das sind Krampfadern in der Speiseröhre. In diesen Fällen geht es den Betroffenen über mehrere Jahre hinweg dreckig. Wegen des Organmangels müssen solche Patienten häufig lange warten und sind meist bereits sehr krank, wenn sie die Transplantation bekommen.

Was haben Sie beide empfunden, als Sie erfuhren, dass nur eine Organspende Ihr Leben retten kann?

Stahl: Mein erster Gedanke war: Die Ärzte wollen mir eigentlich nicht helfen, sondern haben mich abgeschrieben. Sie sehen mich nur noch als Versuchskaninchen. Nach ein paar Tagen habe ich mich dann damit abgefunden. Die große Frage, die ich mir dann stellte: Warum ich?

Meyer: Das 'Warum ich?' kam bei mir zuerst. Es war ein Schock. Muss das sein? Wie stehen die Erfolgschancen einer Transplantation? Vor 30 Jahren hieß es 50 zu 50. Wie viele Jahre wird die neue Leber halten? Dann kommt die Einsicht, dass einem nichts anderes übrig bleibt als Ja zu sagen. Ganz egal, wie hoch die Chance ist, dass es klappt.

Welche Gefühle entstehen dann?

Meyer: Ich bin damals viermal nach Hannover ins Transplantationszentrum geflogen bis es dann endlich geklappt hat. Dreimal wurde mir in der Klinik gesagt, dass das Organ nicht verwendet werden kann. Dann fährt man fertig wieder nach Hause. Man muss sich damit abfinden, lernen, damit zu leben. Wenn man immer daran denkt, wird man verrückt.

Stahl: Ich habe zu Hause erstmal alles erledigt, was für den Fall zu tun war, dass es nicht klappt.

Meyer: Und dann sitzt du zu Hause mit gepacktem Köfferchen wie eine schwangere Frau, wartest auf den Anruf und hoffst, dass du ein gutes Organ bekommst.