Organspende-Skandal Was nach dem Tod geschieht

Schärfere Sanktionen, unangemeldete Kontrollen, sogar die Schließung von Transplantationszentren. Die Reaktionen der Funktionäre auf den Organspende-Skandal in Göttingen und Regensburg sind nur Aktionismus. Dabei gerät aus den Augen, worum es bei der Debatte eigentlich gehen sollte.

Ein Kommentar von Charlotte Frank

"In seiner Endlichkeit ist der Mensch mit einer unendlichen Würde begabt." Diesen Satz hat vor einigen Jahren Bischof Wolfgang Huber geschrieben, in einem Aufsatz über die Organtransplantation.

Diesen Satz sollte man sich heute, wenn es in der Organspende drunter und drüber geht, wenn Betrugsvorwürfe und aus der Not geborene Lösungsvorschläge die Runde machen, wieder vor Augen halten. Denn dieser Satz erinnert daran, dass kein Mensch über einen anderen verfügen darf, zu keinem Zeitpunkt, auch nicht nach dem Tod. Dieser Satz holt die Debatte dahin zurück, worum es bei der Organspende und beim Streit um Manipulationen wirklich geht: um Würde, um Vertrauen. Oder anders: um würdeloses Verhalten, um verlorenes Vertrauen; um beschädigte Werte, die sich nicht mit einer schnellen Konferenz und mit ein paar forschen Forderungen nach Strafen reparieren lassen.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat an diesem Montag zu einer Spitzenrunde geladen, um über Konsequenzen aus den Fällen an den Universitätskliniken in Göttingen und Regensburg zu beraten. Dort sollen Patienten gegen Geld Organe erhalten haben. Der Vorwurf wiegt schwer. Patientenschützer haben deshalb schon vor dem Treffen getönt, das ganze Organspendesystem müsse nun in staatliche Hände gelegt werden. Und Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, schlug eilig schärfere Sanktionen vor, bis hin zur Schließung von Transplantationszentren. Auch unangemeldete Kontrollen hält er für sinnvoll.

All diesen Rufen ist vor allem eines gemein: ihr Aktionismus. Vieles, was nun gefordert wird, gibt es durch das neue Transplantationsgesetz schon, etwa unangemeldete Kontrollen oder die staatliche Beteiligung an Kontrollgremien. Und ob geschlossene Transplantationszentren wirklich den todkranken Patienten dienen, um die es - das gerät derzeit oft aus dem Blickfeld - letztlich geht, ist mehr als fraglich.

Das soll nicht heißen, dass es keine Mechanismen gibt, welche die Organspende sicherer gegen Betrug machen könnten. Sicherlich ist manches, was nun gefordert wird, nicht falsch - etwa der Vorschlag, dass ein von der Transplantation gänzlich unabhängiger Arzt den Vorgang vollverantwortlich gegenzeichnen muss. Bei der Hirntoddiagnostik ist das seit Jahren Usus. Aber alle schnellen Lösungen werden ebenso wenig ausrichten können wie alle schrillen Forderungen und alle Beschwörungen vom Einzelfall. Was am Ende zählt, ist die Wiederherstellung von Vertrauen.

Der Mensch kann nur ahnen, was nach dem Tod mit ihm geschieht, er wird es nie wissen. Jeder, der seine Bereitschaft zur Organspende anzeigt, begibt sich also in eine zutiefst unsichere Situation. Aber bei all dieser Unsicherheit kann sich ein Patient in Deutschland eben doch in Sicherheit wägen - dieses Vertrauen muss die Ärzteschaft den Menschen jetzt zurückgeben. Das wird viel Zeit brauchen, Maß, Bescheidenheit und Demut. Bis der Bürger wieder glauben kann, dass auch in seiner Endlichkeit seine unendliche Würde gewahrt wird.