Organspende-Skandal 23 Verdachtsfälle an Uni-Klinik Regensburg

Der Transplantationsskandal um den Göttinger Oberarzt weitet sich aus: In den Jahren 2004 bis 2006 sollen auch an der Universitätsklinik Regensburg Krankendaten manipuliert worden sein. Zu dieser Zeit war der beschuldigte Chirurg dort tätig.

Von Christina Berndt

Der Transplantationsskandal von Göttingen hat nun auch das Universitätsklinikum Regensburg voll erfasst. Nach Angaben des bayerischen Wissenschaftsministeriums besteht der Verdacht, dass auch in Regensburg im Zusammenhang mit Lebertransplantationen Manipulationen von Krankendaten vorgenommen wurden. Dies habe die Klinikleitung dem Ministerium am Mittwoch mitgeteilt.

Demnach hätten sich nach einer "ersten Sichtung" der Lebertransplantationen aus den Jahre 2004 bis 2006 insgesamt 23 Verdachtsfälle ergeben. Der in dem Göttinger Skandal beschuldigte Transplantationschirurg war in dieser Zeit in Regensburg tätig. Der Vorgang sei bereits der Staatsanwaltschaft übergeben worden, teilte das Wissenschaftsministerium mit. Die internationale Organ-Vermittlungsstelle Eurotransplant, die Bundesärztekammer und das bayerische Gesundheitsministerium seien informiert worden.

Oberarzt bestreitet die Vorwürfe

Der bayerische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) forderte, die Vorfälle schnell und umfassend aufzuklären. Er habe bereits in der vergangenen Woche die fünf bayerischen Universitätskliniken aufgefordert, ihre Strukturen zu überprüfen, um Fehlverhalten Einzelner vorzubeugen. So gelte im Münchner Klinikum Großhadern seit längerem nicht mehr nur ein Vier-Augen-Prinzip, sondern ein Sechs-Augen-Prinzip bei der Übermittlung der Patientendaten an Eurotransplant.

In Göttingen werden der Leiter der Gastroenterologie und der Leiter der Transplantationschirurgie beschuldigt, in mehr als 20 Fällen Krankendaten manipuliert zu haben, um ausgewählten Patienten bevorzugt eine Spenderleber zu beschaffen. Die Mediziner bestreiten die Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit und Tötungsdelikte, weil benachteiligte Patienten infolge der Manipulationen verstorben sein könnten.

Der beschuldigte Chirurg war 2008 von Regensburg nach Göttingen gewechselt. In Regensburg war er leitender Oberarzt unter dem bis heute dort tätigen Chirurgie-Chef Hans Schlitt gewesen. Beide begannen im Jahr 2003 gemeinsam in Regensburg. Danach stieg dort binnen weniger Jahre die Zahl der Lebertransplantationen von jährlich zehn auf etwa 50. Diese Steigerung übertrifft noch den Zuwachs, der nach dem Wechsel des Oberarztes in Göttingen zu verzeichnen war. Dort wuchs die Zahl der transplantierten Lebern binnen Jahresfrist von etwa 20 auf mehr als 50.

Eine Leber für Jordanien

Dass die Manipulationen nach derzeitigem Erkenntnisstand 2006 aufhörten, könnte an einem bereits bekannten Vorfall liegen. 2005 hatte der verdächtige Oberarzt eine Leber, die für eine in Regensburg liegende Patientin bestimmt war, unter Vortäuschung falscher Tatsachen einer Patientin in Jordanien transplantiert.

Die Angelegenheit wurde bis ins Jahr 2006 von Staatsanwaltschaft, Ministerien und Klinikum untersucht. Wesentliche Konsequenzen hatte sie nicht. Klinikdirektor Schlitt bestreitet bis heute eine Verantwortung und sagt, er sei von seinem Oberarzt hintergangen worden.