Organspende-Skandal Neue Auffälligkeiten bei Leber-Transplantationen

Auch in Münster und Essen hat es offenbar Unregelmäßigkeiten bei Organspenden gegeben. Offen ist noch: Waren Mediziner hier "nur ein bisschen inkorrekt" oder verstießen sie gegen die Vergaberichtlinien?

Von Christina Berndt

Gern würde Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) endlich einen Schlussstrich unter den Transplantationsskandal ziehen. Gerade hat eine Gesetzesnovelle den Bundestag passiert, wonach Manipulationen der Wartelisten künftig strafbar sein sollen. Da wäre es gut, wenn auch endlich die Überprüfung aller 24 Lebertransplantationszentren abgeschlossen wäre, die nach Bekanntwerden der skandalösen Zustände in einigen Kliniken begonnen wurde. Im Juni schon wollte Bahr die Ergebnisse präsentieren. Doch das wurde auf Anfang September verschoben: Die Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK) hat in zwei weiteren Kliniken Auffälligkeiten entdeckt.

Offiziell äußert sich die bei der Bundesärztekammer angesiedelte PÜK derzeit ebenso wenig wie das Ministerium. Nach SZ-Informationen aber handelt es sich um die Universitätsklinika in Münster und Essen. In beiden Zentren geht es offenbar nicht um so eindeutige Manipulationen, wie es sie in Göttingen, Regensburg, München und Leipzig gegeben hat. Dort waren Krankenakten frisiert worden, um ausgewählten Personen vorzeitig eine der begehrten Spenderlebern zu verschaffen.

Auch in Münster geht es um Dialysen - allerdings wurden diese nicht vorgetäuscht. Die Prüfer bezweifeln vielmehr, dass in allen Fällen eine für eine Transplantation relevante Indikation vorgelegen hat. Die Vorgänge seien "noch nicht endgültig bewertet", heißt es. "Die Frage ist: War das nur ein bisschen inkorrekt, oder waren das klare Verstöße gegen die Vergaberichtlinien?" Eine Stellungnahme sei derzeit nicht möglich, teilte das Klinikum mit, "da der Prüfbericht bisher nicht vorliegt".

Lebern von minderer Qualität

In Essen steht der Umgang mit den kostbaren Spenderlebern in der Kritik. Das Klinikum akzeptiert viele Organe niedriger Qualität, die anderswo abgelehnt werden, weil sie etwa verfettet sind oder von betagten Spendern stammen. Auch deshalb kommt Essen bundesweit auf die mit Abstand höchste Anzahl an Lebertransplantationen. Lebern minderer Qualität zu nutzen, ist an sich sinnvoll - wenn die richtigen Empfänger ausgewählt werden. "Relativ stabile Patienten können von solchen Organen sehr profitieren", sagt Axel Rahmel, medizinischer Direktor der Organ-Vermittlungsstelle Eurotransplant. Denn Lebern regenerieren sich sehr gut.

Aber haben in Essen zu kranke Patienten die grenzwertigen Organe bekommen? Das Zentrum kann jedenfalls nicht die besten Ergebnisse vorweisen: Fast 17 Prozent der Lebertransplantierten starben dort 2011 noch im Krankenhaus. Auf Anfrage reagierte der Ärztliche Direktor Eckhard Nagel verwundert: Er habe keine Hinweise auf Probleme von der PÜK erhalten, sagte er.

"Es bedarf einer Diskussion mit ethischem Sachverstand, um die Vorgänge zu beurteilen", heißt es aus der PÜK. "Das wird bald in kleiner Runde sehr kritisch entschieden." Die Ärztekammer werde jedenfalls nicht großzügig über Verstöße hinwegsehen. Zu laut sind bereits die Rufe nach einer staatlichen Aufsicht bei Transplantationen. Und Minister Bahr will nicht nur einen abgeschlossenen, sondern auch unanfechtbaren Bericht präsentieren. Sonst wird es mit dem Schlussstrich ja nichts.