Online-Psychotherapien E-Mail vom Therapeuten

Die Psychotherapie bedarf nicht zwangsläufig der intimen Zweiersitzung. Hilft der Therapeut per E-Mail, SMS oder im Chatroom, profitieren die meisten Patienten ebenso wie von der herkömmlichen Behandlung. Doch seriöse Angebote sind in Deutschland rar.

Von Berit Uhlmann

Sigmund Freud hielt wenig davon, Patienten in die Augen zu schauen. Es verdross ihn, acht Stunden täglich angestarrt zu werden, und er wollte vermeiden, dass seine Mimik die Patienten beeinflusst. So bat der Arzt Kranke vor sich auf die Couch, mochten ihre Blicke an die Decke schweifen und ihre Gedanken durch die verborgenen Winkel der Seele. Die meisten Therapeuten haben die Chaiselongue längst ausrangiert, doch die räumliche Distanz in der Psychotherapie erlebt derzeit eine Renaissance.

Heute gibt es Therapeuten, die nie von ihren Patienten angesehen werden. Die Therapie ist ins Internet gewandert, wirkt über E-Mail-Fenster und Chatrooms. Unterstützung kommt manchmal nur per SMS, und der Ferntherapeut richtet seinen Blick allenfalls in die Linse einer Webcam. Die noch immer in der intimen Zweiersitzung arbeitenden Kollegen müssen verblüfft feststellen, dass die neuen Verfahren offenbar funktionieren. Mitunter sogar besser: "Erst die Distanz ermöglicht es manchen Patienten, sich zu öffnen und auch Peinvolles auszusprechen, das sie einem Therapeuten nie ins Gesicht sagen würden", sagt die Berliner Psychologieprofessorin Christine Knaevelsrud, die selber aus der Ferne mit traumatisierten Patienten arbeitet.

Im Schnitt seien Angebote, die auf interaktive Websites, E-Mail, Instant Messaging-Systeme, Chatrooms und Foren setzen, ebenso effektiv wie herkömmliche Therapiesitzungen, resümierte Azy Barak von der Universität Haifa schon 2008 in einer Meta-Analyse. Am wirksamsten erwies sich in seiner Auswertung von 92 Studien die kognitive Verhaltenstherapie, am besten ließen sich Angst- und Posttraumatische Belastungsstörungen behandeln. Allerdings erzielten Interventionen, hinter denen ein realer Therapeut stand, günstigere Ergebnisse als weitgehend automatisierte Angebote. Therapien im Setting von Videokonferenzen erwiesen sich in einer Übersichtsstudie von 2009 ebenfalls als erfolgversprechend, auch die Patienten waren zufrieden. In den - wenngleich wenigen - Vergleichsstudien erwiesen sich Videotherapien als ebenso effektiv wie echte.

Mag es bei diesen Anwendungen ursprünglich eher um Ersatzlösungen gegangen sein, haben sich nun mit den neuen Medien Formen entwickelt, die zumindest nach Ansicht einiger Forscher einen zusätzlichen Nutzen haben. Über Handys und Notebooks können Therapeuten ihre Patienten an Orten und zu Zeiten erreichen, wenn diese am ehesten Hilfe brauchen. So können etwa motivierende SMS-Nachrichten Phobikern durch angstbesetzte Situationen helfen. "Die Diskussion um die prinzipielle Wirksamkeit von Online-Therapien brauchen wir nicht mehr zu führen. Die Nachweise liegen vor", sagt Knaevelsrud. "Wir sollten uns jetzt fragen: Wie machen wir es?"

Doch mit dieser Frage beginnen die Schwierigkeiten. Wer von Online-Therapie spricht, sieht sich vor einem Feld, das "unübersichtlich, inkohärent und unstrukturiert" ist, schreibt Azy Barak. Die unzähligen Ansätze, die derzeit ausprobiert werden, reichen von weitgehend automatisierten Tools, die eher der Aufklärung und Selbsthilfe dienen, über therapeutische Software, die Patienten virtuell in angstauslösende Situationen versetzt, bis zu Online-Gesprächen zwischen Patienten und Therapeuten.

Zudem ändern sich ständig die Kommunikationsmittel. Gerade hat man Hilfsprogramme per SMS konzipiert, da drängen Smartphones mit weit mehr Möglichkeiten auf den Markt. Haben erste Wissenschaftler die Möglichkeiten des sozialen Netzwerks MySpace erkundet, zieht die Community zu Facebook und Twitter weiter. Die Forschung kommt kaum hinterher. Knaevelsrud räumt ein: "Welches Kommunikationsmittel und welche Art der Intervention für welchen Patienten geeignet ist, ist weitgehend unbekannt."