Nocebo-Effekt Wenn der Arzt mit Worten tötet

"Das tut jetzt weh": Fast jeder Patient kennt das Phänomen, dass er negative Wirkungen spürt, wenn sie ihm vorhergesagt werden. Nocebo heißt dieser Effekt. Er ist der gefürchtete Bruder des Placebos - und er kann tödlich sein.

Von Werner Bartens

Die Visite verlief hektisch, der Chefarzt war schlecht gelaunt. Als er am Bett einer älteren Patientin mit Herzbeschwerden stand, sagte er zu den Assistenzärzten, die einen Kreis um ihn bildeten, dass es sich hier ja wohl um einen typischen Fall von TS handele. TS steht im Mediziner-Jargon für eine Trikuspidalklappen-Stenose - die meist nicht besonders bedrohliche Verengung einer Herzklappe. Die Patientin hatte aufmerksam zugehört. Nach der Visite sagte sie zu dem Assistenzarzt, der sie betreute: "Das ist das Ende." Schließlich könne TS ja nur "terminale Situation" bedeuten.

Was Ärzte besser nicht sagen.

(Foto: SZ-Grafik: Michael Mainka)

Obwohl der junge Arzt der Dame erklärte, dass sie sich nicht zu sorgen brauche, verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Sie bekam Atemnot, in ihren Lungen sammelte sich Flüssigkeit. Der Arzt alarmierte seinen Chef, dass er die Patientin dringend aufklären sollte, wie er seine Bemerkung gemeint habe. Als der Chefarzt abends nochmals bei ihr vorbeikam, war sie am Lungenödem gestorben. Wahrscheinliche Diagnose: Tod durch Hoffnungslosigkeit und negative Erwartungen.

Der amerikanische Kardiologe und Friedensnobelpreisträger Bernard Lown schildert dieses Erlebnis mit einer Patientin, die sich zu Tode ängstigte - er selbst war der junge Assistenzarzt - in seinem Buch "Die verlorene Kunst des Heilens". Dem guten Arzt ist das Wort schließlich das wichtigste therapeutische Hilfsmittel überhaupt. Es kann mächtiger sein als jedes Medikament und Skalpell. Deshalb hat der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint früh den Begriff von der "Droge Arzt" geprägt.

Mit ihren Worten können Ärzte aber nicht nur heilen und lindern, sondern auch verletzen und sogar töten. Unbedachte Äußerungen haben schon viele Patienten irritiert - und vermutlich ihre Prognose deutlich verschlechtert. Im Deutschen Ärzteblatt schildern Mediziner um Winfried Häuser, mit welchen Sätzen Ärzte ihre Patienten verunsichern und ihnen Schaden zufügen können (Bd. 109, S. 459, 2012). Typische Beispiele finden sich in der Grafik.

Besonders im Krankenhausalltag unterlaufen Ärzten wie Pflegekräften immer wieder Äußerungen, die nicht böse, sondern sogar hilfreich gemeint sind - aber dennoch fatale Wirkungen auslösen können. Wissenschaftler untersuchen die vielfältigen Ausprägungen, in denen negative Gefühle in der Medizin ihre Macht entfalten.