Elektrokrampftherapie gegen Depressionen Neustart für das Gehirn

Für manche Menschen ist sie so etwas wie das Schreckgespenst der Psychiatrie. Dabei hilft die Elektrokrampftherapie noch heute bei schweren Depressionen - und dies wesentlich nebenwirkungsärmer als Laien es sich vorstellen. Wissenschaftler haben nun eine Erklärung dafür vorgelegt, wie die Behandlung wirkt.

Von Christian Weber

Obwohl vielfach geschmäht, gehört die sogenannte Elektrokrampftherapie (EKT) seit mehr als 70 Jahren zu den erfolgreichen Verfahren in der Psychiatrie. Vor allem bei den gar nicht so seltenen therapieresistenten Depressionen gilt sie in psychiatrischen Kliniken als sinnvolle Option, zumal Ärzte sie einstimmig als sicher, nebenwirkungsarm und schmerzfrei einstufen.

Sie wird heute unter einer kurzen Vollnarkose mit Sauerstoff-Beatmung durchgeführt. Mit wenigen Sekunden dauernden Stromimpulsen wird dabei ein epileptischer Anfall ausgelöst, üblich sind sechs bis zwölf Behandlungen. Als Hauptnebenwirkung ergeben sich in der Regel nur - meist reversible - Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, jedoch keine Schädigungen des Gehirns. Unklar war bislang jedoch, wieso die EKT überhaupt wirkt.

Ein Team um Jennifer Perrin und Christian Schwarzbauer von der University of Aberdeen bietet nun eine Erklärung für den Heilmechanismus der kurzen Stromstöße beziehungsweise der durch sie ausgelösten Krampfanfälle an. Die Forscher konnten mit Hilfe eines bildgebenden Verfahrens zeigen, wie sich das Gehirn der Patienten durch die EKT ändert. Demnach sind die Nervenzellen eines schwer depressiven Menschen "funktionell hypervernetzt", und genau diese Hypervernetzung verschwindet wieder durch die Behandlung (PNAS, online).

Perrin und Schwarzbauer konnten somit experimentell eine Vermutung erhärten, die seit kurzem in der Psychiatrie angestellt wird - und eigentlich kontraintuitiv ist. "Intuitiv würde man ja erwarten, dass das depressive Gehirn eher untervernetzt ist", sagt Schwarzbauer, schließlich neigten Gemütskranke eher zum sozialen Rückzug und reduzierter Kommunikation. Doch womöglich sei genau diese starke interne Vernetzung der Grund, dass Depressive sich nicht mehr so sehr mit der Außenwelt beschäftigten. Jedenfalls sei der neue Befund "statistisch sehr robust", versichert Schwarzbauer, auch wenn in der Studie nur neun Patienten untersucht wurden.

Der Nachweis gelang den Forschern, indem sie mit einem neuen mathematischen Verfahren in Verbindung mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) gleichzeitig die Kommunikation zwischen 25.000 Stellen im Gehirn beobachteten und analysierten.

Anders als bei der klassischen funktionellen Bildgebung ist dabei keine äußere Stimulation etwa durch Sprache oder Bilder erforderlich, die jeweils nur die entsprechenden Gehirnzentren aktiviert. Die Patienten mussten sich lediglich 20 Minuten in den Hirnscanner legen. So ergab sich ein besseres Gesamtbild des Gehirnzustandes. In der Auswertung zeigte sich dann, dass bei den depressiven Patienten eine Region im Frontallappen des Großhirns besonders stark mit dem restlichen Gehirn kommunizierte. Und dass mit der Genesung sich diese Kommunikation abschwächte.

Dieses Ergebnis ist nicht nur für das Verständnis der EKT wichtig, sondern könnte auch bei der Entwicklung neuer Ansätze gegen Depressionen helfen, hofft Schwarzbauer. Der nun messbare Grad der gehirninternen Kommunikation könnte als Indikator dienen, mit dem sich die Wirksamkeit neuer Medikamente und Psychotherapien abschätzen ließe. "Eine interessante These", kommentiert der EKT-Experte Here Folkerts vom Reinhard-Nieter-Krankenhaus in Wilhelmshaven, die allerdings noch durch weitere Studien bestätigt werden müsste.