Anatomie Lymphbahnen im Gehirn gefunden

Neurologen haben im menschlichen Hirn Lymphgefäße entdeckt, die bislang von Generationen von Anatomen übersehen worden waren. Der Fund könnte erklären, wie Immunsystem und Gehirn miteinander in Verbindung stehen - und neue Erkenntnisse über Krankheiten wie Alzheimer ermöglichen.

Von Hanno Charisius

Neuauflagen von anatomischen Lehrbüchern schienen zuletzt ziemlich überflüssig zu sein: Der menschliche Körper galt als vollständig erkundetes Terrain, alle Organe, Nervenbahnen und Blutgefäße sind seit Langem kartiert. Doch nun steht eine Überarbeitung der Körperatlanten an. Neurowissenschaftler Antoine Louveau von der University of Virginia in Charlottesville hat Lymphgefäße im Schädel entdeckt, die bislang von Generationen von Hirnanatomen übersehen worden waren. Der Fund könnte erklären, wie Immunsystem und Gehirn miteinander in Verbindung stehen, und neue Erkenntnisse über die Entstehung von Krankheiten wie Alzheimer oder Multiple Sklerose ermöglichen.

Louveau untersuchte die Hirnhaut einer Maus mit einem neuen Mikroskopierverfahren, als ihm auffiel, dass sich einige Abwehrzellen des Immunsystems zu einem fadenförmigen Muster hintereinander anordnen. Weitere Untersuchungen zeigten, dass er auf ein bis dahin unbekanntes Lymphgefäß gestoßen war, das wie eine durchlässige Rohrleitung für Abwehrzellen funktioniert. Der Körper von Säugetieren wird von einem fein verzweigten Geflecht solcher Lymphgefäße durchzogen, durch die Immunzellen über weite Strecken reisen können. Nur das Gehirn galt als einziges Organ ohne solche Strukturen - bis vergangene Woche Louveau und seine Kollegen ihren Fund im Fachblatt Nature veröffentlichten.

Durch die Entdeckung lässt sich vielleicht erklären, wie Alzheimer oder Multiple Sklerose entstehen

Auch im Schädel verstorbener Menschen fanden die Forscher solche Lymphgefäße, nachdem sie wussten wie und wonach sie suchen mussten. Es sei erstaunlich, dass diese Strukturen so lange übersehen wurden, sagt die Immunbiologin Britta Engelhardt von der Universität Bern, die sich seit Jahren mit der Frage befasst, wie Immunzellen ins Gehirn gelangen. Die neuen Daten hält sie für einen guten Beweis, dass es so etwas tatsächlich gibt, auch wenn die gefundenen Lymphgefäße nicht tief im Hirn verlaufen, sondern an dessen Oberfläche.

Die Konsequenzen der Entdeckung könnten weit über die Revision von Lehrbüchern hinausreichen. Bislang war es vollkommen rätselhaft, auf welchem Weg Zellen der Immunabwehr ins Gehirn gelangen. Nun, da es eine mögliche Erklärung gebe, müsse man alle bisherigen Erkenntnisse neu betrachten, sagt Engelhardt.

Jonathan Kipnis, in dessen Labor Antoine Louveau arbeitet, spekuliert, dass Fehler an den Lymphgefäßen zur Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen beitragen, an denen das Immunsystem beteiligt ist. Als Beispiele nennt er Alzheimer und Multiple Sklerose. "Die Entdeckung verändert grundlegend, wie wir über die Verknüpfung zwischen Nerven- und Immunsystem denken", sagt Kipnis. "Vorher haben wir das als etwas Esoterisches betrachtet. Jetzt können wir untersuchen, was wirklich passiert."