Neuer Diagnosekatalog DSM-5 Gesund oder psychisch krank?

Seit Jahrzehnten bestimmen zwei Diagnosekataloge weltweit, was als psychische Störung gilt. Einer ist gerade neu erschienen - und löst heftigen Streit aus. Wo enden normale seelische Probleme, wo beginnt Krankheit?

Von Christian Weber

Es sollte für die Psychiatrie so etwas werden wie die Mondlandung für die Raumfahrt. Doch jetzt kreist das Raumschiff doch bloß wieder um die Erde, und alle streiten, ob das Projekt die Mühe wert war. Am Wochenende jedenfalls stellte die American Psychiatric Association (APA) bei ihrem Jahrestreffen in San Francisco endlich die neue, fünfte Ausgabe ihres Diagnosekatalogs ("Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders") vor: Das DSM-5 sei das "Ergebnis einer mehr als zehnjährigen Reise, bei der die Kriterien für die Diagnose und Klassifikation psychischer Störungen neu aufgestellt wurden", erklärte etwas pathetisch David Kupfer von der University of Pittsburgh, der das Revisionsprojekt geleitet hatte.

An die 500 Wissenschaftler hatten seit 1999 in Arbeitsgruppen oder als Berater an dem Werk mitgearbeitet, mehr als 13.000 Kommentare wurden verarbeitet, Feldstudien erstellt, um den Katalog auf den Stand der Wissenschaft zu bringen und - so die große Hoffnung - die Diagnosekriterien mithilfe der biologischen Wissenschaften endlich auf eine objektive Basis zu stellen.

Es war weit mehr als ein akademisches Unterfangen. Das DSM-Regelwerk, das seit 1952 von der APA herausgegeben wird, beeinflusst mittlerweile weltweit, wer als psychisch krank gilt. Die Definitionen in diesem Buch entscheiden weitgehend, ob die Krankenkasse die Kosten für eine Therapie übernimmt, ob ein Totschläger vor Gericht für schuldunfähig erklärt werden kann, wohin die Forschungs- und Marketing-Milliarden der Pharmaindustrie fließen.

In Deutschland verschlüsseln die Ärzte ihre Diagnosen zwar nach dem konkurrierenden ICD-10-Regelwerk der Weltgesundheitsorganisation WHO ("International Classification of Diseases"), aber auch dieses gilt als stark vom DSM beeinflusst. So wird es vermutlich auch bei der nächsten Ausgabe der ICD sein, die im kommenden Jahr in ihrer elften Version erscheinen soll. Und in der Forschung ist ohnehin fast ausschließlich der DSM in Gebrauch. Verständlich also, dass Ärzte und Wissenschaftler mit Ungeduld auf die neueste Ausgabe des Katalogs gewartet haben: Er gilt als die Bibel der Psychiater.

Knapp 20 eng bedruckte DIN-A4-Seiten umfassen nun die Hauptänderungen im neuen DSM-5, die am Wochenende von der APA publiziert wurden, wobei es viel um Formulierungen, Umgruppierungen und Erläuterungen geht. Bei den Kerndiagnosen haben sich einige der Gerüchte bestätigt, die seit Monaten diskutiert wurden: Das sogenannte Asperger-Syndrom - eine Entwicklungsstörung, die sich vor allem durch eine stark gestörte soziale Kommunikation auszeichnet - ist in einer sogenannten Autismusspektrumsstörung aufgegangen. Autismus und Asperger gelten damit nur noch als verschieden starke Ausprägungen des gleichen Grundleidens. Extreme und keinem Anlass entsprechende Wutausbrüche können jetzt bei Kindern ab sechs Jahren als eigenständige psychische Störung diagnostiziert werden.