Übergewicht Speck am Po ist ein Schutz

Die Überlebenskraft der Dicken fiel erstmals vor gut zehn Jahren auf. Zunächst bemerkten im Jahr 1999 Nierenfachärzte um Edmund Lowrie von der University of California in San Francisco, dass ihre schlanken Dialyse-Patienten schneller dahinschieden als die übergewichtigen. Dann zeigte sich, dass auch Dicke mit Herzinfarkt länger leben, ebenso wie nach schweren Operationen, nach Sepsis, Schlaganfall oder Hirnblutung und Dicke mit Rheuma oder Krebs. Immer waren die Übergewichtigen im Vorteil - und zwar nicht nur, wenn sie ein paar Pfund mehr auf den Rippen hatten, sondern auch, wenn sie deutlich übergewichtig waren mit einem BMI von gut 30. Da wiegt man bei einer Größe von 1,70 Meter mehr als 85 Kilogramm.

Voraussetzung war, dass die Dicken nicht dazu neigten, all ihr Körperfett rund um die Taille anzusammeln. Die Apfelfigur ist anerkanntermaßen tatsächlich lebensbedrohend, weil das Fett die inneren Organe umfasst und schnell mobilisiert wird. Kritisch wird es dem Stand der Wissenschaft zufolge, sobald der Taillenumfang bei Männern 102 Zentimeter misst und bei Frauen 88 Zentimeter. Der Speck an Armen und Beinen oder um Hüfte und Po ist dagegen weniger eine Bedrohung als ein Schutz.

Die Befunde von den Intensivstationen haben sich auch im wahren Leben bestätigt: So zeigte sich im Jahr 2010 der schützende Einfluss eines höheren BMI bei 27.000 Dänen. Auch unter den 8000 Einwohnern der Insel Mauritius, die australische und skandinavische Wissenschaftler 15 Jahre lang verfolgten, lebten die Dicken am längsten (International Journal of Epidemiology, Bd. 41, S. 484, 2012).

"Übergewicht ist eben nicht so gefährlich, wie man immer dachte", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg, die das längere Leben der Dicken im Jahr 2009 für die deutsche Bevölkerung belegt hat. Auch hierzulande haben die Molligen mit einem BMI von etwa 27 (78 Kilogramm bei 1,70 Metern) eine längere Lebenserwartung als die Schlaksigen mit einem BMI von 20 (58 Kilogramm bei 1,70 Metern). Den Hang zu Diabetes und Herzproblemen müssen die Dicken Mühlhauser zufolge in Kauf nehmen, nicht aber ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Und der Gesundheit abträglich wird es erst, wenn der BMI extreme Umfänge von mehr als 35 erreicht und man von schwerer Fettleibigkeit spricht. "Die höchste Lebenserwartung liegt bei einem BMI von 27", sagt sie. "Und je älter man wird, desto weniger bedeutend wird das Übergewicht als Risikofaktor."

Wie aber funktioniert der geheime Schutz des Übergewichts? "Eine Erklärung kann sein, dass Übergewichtige mehr Reserven haben", sagt Mühlhauser. "Eine andere, dass erhöhtes LDL-Cholesterin ein Schutzfaktor ist, weil es toxische Stoffwechselprodukte binden kann." Zudem werde mehr und mehr erkannt, welch positive Wirkungen das Fettgewebe auf das Immunsystem habe, sagt Mühlhauser. Eindeutige Erklärungen für das Gewichtsparadox aber fehlten bislang.

Diese Lücke wollen der Hirnforscher Peters und der Stressforscher McEwen schließen: Womöglich ist das Dicksein nicht nur eine Reaktion auf Dauerstress - nach dem Motto: Manche essen mehr, andere weniger, wenn sie Kummer haben. Womöglich hilft das Dicksein Stress zu bewältigen, und schützt deshalb entgegen allen ärztlichen Ratschlägen vor dem frühzeitigen Ableben. Denn einem langen Leben weitaus abträglicher als Arthrose in den Knien oder Zucker im Blut ist chronischer Stress.

In der Theorie lässt sich das wunderbar belegen: Schließlich steigt der Energieverbrauch des Gehirns, wenn Menschen unter Stress stehen. Manche Menschen, wie Person A, gewöhnen sich nicht an Druck. Wenn A unter Daueranspannung steht, dann ist das Cortisol im Blut ständig erhöht, um den gesteigerten Energiebedarf des Gehirns aus den Fettdepots zu decken. Wird Person A Schauspielerin, dann hat sie bei jeder Vorstellung Lampenfieber. Das viele Cortisol im Blut setzt zwar ihr Sterberisiko hoch, aber A bleibt dünn.