Nahrungsmittelallergien bei Kindern Dreck hält gesund

Stadtkinder leiden häufiger unter Asthma, Ekzemen und Heuschnupfen als Landkinder. Nun haben Wissenschaftler nachgewiesen, dass die Großstadt-Kids auch öfter von Nahrungsmittelallergien geplagt werden.

Von Christian Weber

Am gefährlichsten sind bekanntlich die Erdnüsse: Sekunden nach dem Verzehr ringen die Betroffenen plötzlich nach Luft, leiden unter Übelkeit, geraten in Panik, auf der Haut bilden sich rötliche Quaddeln, der Puls beginnt zu rasen. Im schlimmsten Fall führt ein solcher sogenannter anaphylaktischer Schock, der durch eine Nahrungsmittelallergie ausgelöst wird, binnen Minuten zum Organversagen und zum Tod. Diese extremen Reaktionen sind zwar sehr selten, lassen aber verstehen, wieso insbesondere Eltern sich häufig große Sorgen, manchmal übertrieben, um mögliche Gefahren im Speiseplan ihrer Kinder machen.

Offenbar wird das kindliche Immunsystem besonders gut trainiert wird, wenn es etwa im Stall auf unbekannte Bakterien stößt.

(Foto: dpa)

Mütter und Väter in Großstädten dürften deshalb mit einem gewissen Unbehagen von einer Studie lesen, die ein Forscherteam um den Kinderarzt Ruchi Gupta von der Northwestern University in Chicago in der Juli-Ausgabe des Fachmagazins Clinical Pediatrics veröffentlichen wird. Sie zeigt, dass Kinder, die in städtischen Gebieten leben, deutlich häufiger überempfindlich auf bestimmte Lebensmittel reagieren als ihre Altersgenossen auf dem Lande. "Wir haben zum ersten Mal belegt, dass eine höhere Bevölkerungsdichte mit einer größeren Wahrscheinlichkeit für eine Nahrungsmittelallergie bei Kindern korreliert", sagt Gupta. "Das zeigt, dass sich die Umwelt auf die Entwicklung von Allergien auswirkt."

Die Mediziner treffen ihre Aussagen auf einer Datenbasis, die zumindest für die USA repräsentativ ist. Sie analysierten Gesundheitsauskünfte von knapp 40.000 Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 18 Jahren aus dem gesamten Land.

So berechneten sie, dass in den Städten 9,8 Prozent der Kinder allergisch auf manche Speisen reagieren; im ländlichen Raum sind es nur 6,2 Prozent. Besonders deutlich zeigten sich die Unterschiede bei der Erdnussallergie, von der 2,8 Prozent der Stadtkinder, aber nur 1,3 Prozent der Landkinder betroffen seien. Bei Meeresfrüchten lauteten die entsprechenden Zahlen sogar 2,4 und 0,8 Prozent.

Die Allergien verliefen überall gleich schwer

Keine Unterschiede zwischen Stadt und Land gab es hingegen bei Milch und Soja. Auch die Schwere der Verläufe war überall gleich: Unabhängig vom Wohnort hätten 40 Prozent der allergischen Kinder schon mal klinisch ernsthafte bis lebensbedrohliche Komplikationen überstanden.

Mediziner überraschen die neuen Ergebnisse nicht wirklich. "Die Studie bestätigt - allerdings mit einer besonders großen Fallzahl -, was andere Autoren in den letzten Jahren auch schon herausgefunden haben", sagt Berthold Koletzko, Abteilungsleiter am Haunerschen Kinderspital der Universität München. So wisse man, dass es diesen Stadt-Land-Unterschied auch bei anderen Überempfindlichkeits-Reaktionen gebe, etwa bei Asthma, Ekzemen, Heuschnupfen oder Bindehautentzündung. "Die eigentlich spannende Frage ist: Was sind die Ursachen dafür?"

Mediziner haben diverse Erklärungsmodelle entwickelt, berichtet Koletzko. So hätten sie Hinweise gesammelt, dass der Feinstaub an den großen Straßen in den Städten das Immunsystem belastet. Aus nicht ganz klaren Gründen finden sich Allergien bei Familien mit hohem sozioökonomischen Status häufiger, bei kinderreichen Familien hingegen seltener. Besonders prominent ist die Dschungel-Hypothese, wonach das kindliche Immunsystem immer dann trainiert wird, wenn es etwa im Stall bei Schweinen und Rindern auf unbekannte Bakterien stößt. Man könnte es auch anders sagen: Dreck hält gesund.