Mythos des Monats Ist "Urgetreide" bekömmlicher als Weizen?

Frische Dinkelbrote schmecken gut - ob sie auch bekömmlich sind, hängt stark von der Zubereitung ab

(Foto: Niels P. Joergensen)

Brotsorten aus "Urgetreide" wie Dinkel und Einkorn liegen im Trend, angeblich sind sie besser für die Verdauung. Was ist dran an der Behauptung?

Von Christoph Behrens

Bei den Jägern und Sammlern war die Welt der Ernährung noch in Ordnung. Zumindest wenn man Bestsellern wie "Weizenwampe - Warum Weizen dick und krank macht" glaubt. Denn vor einigen Tausend Jahren litten die Menschen noch nicht unter dem Joch des "genetisch veränderten, modernen Weizens", wie der Autor William Davis darlegt. Seiner Meinung nach ist das Getreide verantwortlich für Übergewicht, Diabetes, Alzheimer, Herzleiden, Hautveränderungen und Nervenkrankheiten - also jede Menge Übel der Moderne.

Wissenschaftlich sind die meisten Schlussfolgerungen zwar unhaltbar, doch die Anti-Weizen-Gurus treffen offenbar einen Nerv. Vier der sechs aktuell bestverkauften Lebensmittel-Ratgeber auf Amazon beschäftigen sich mit den vermeintlich schädlichen Auswirkungen von Weizen. "Da wird ziemlich viel Humbug getrieben", sagt Wolfgang Holtmeier, Gastroenterologe am Krankenhaus Köln-Porz. "Das führt zu einer großen Verunsicherung und Angst unter Verbrauchern."

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Die Furcht vor dem Weizen geht nun in eine neue Phase über, eine Sehnsucht nach "Urgetreide" wie Emmer, Dinkel, Einkorn und Durum. Die Sorten, die teilweise schon vor 9000 Jahren angebaut wurden, gelten Befürwortern als ursprünglicher und auch gesünder. "Vollgepackt mit gesunden Inhaltsstoffen, geben sie unserem Körper Energie und bringen Leichtigkeit und Licht in unseren Alltag", lobt der Ratgeber "Superkörner", der im selben Verlag wie "Weizenwampe" erschienen ist. Selbst der Kellog's Konzern, gemeinhin Zielscheibe der Weizen-Kritiker, bietet mittlerweile die Cornflakes-Serie "Urlegenden" an, bestehend aus "uralten, wertvollen Getreidesorten, die bereits in Kulturen vergangener Zeiten verzehrt und geschätzt wurden".

Eine der Hoffnungen ist, dass die alten Getreidesorten schonender für die Verdauung sind. So schwören vor allem Personen, die unter dem sogenannten "Reizdarm-Syndrom" leiden, auf Brote aus den Ursorten. Typische Symptome wie Blähungen, Durchfall und Krämpfe könnten so gelindert werden, wird in Foren berichtet. Ernährungswissenschaftler der Universität Hohenheim sind diesen Hinweisen nun analytisch auf die Spur gegangen.

Für Urgetreide-Freunde ist das Ergebnis zunächst enttäuschend: In den entscheidenden Bestandteilen unterscheiden sich Urgetreide wie Dinkel und moderne Weizensorten kaum, berichten die Forscher im Fachmagazin Journal of Functional Foods (Bd. 25, 2016, S. 257-266). Vielmehr sei wohl die Art des Brotbackens entscheidend dafür, wie bekömmlich die Backwaren am Ende sind.

Die Ernährungswissenschaftler konzentrierten sich für die Studie auf sogenannte Fodmaps - die Abkürzung steht für kurzkettige Zuckerverbindungen wie Fruktane und Galaktane, die in Getreide, aber auch in vielen Obst- und Gemüsesorten enthalten sind. Den allermeisten Personen bereiten die Stoffe keine Beschwerden, bei Personen mit Darmerkrankungen stehen sie allerdings in Verdacht, Blähungen und Krämpfe auszulösen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit italienischer Forscher kommt zum Ergebnis, dass eine Fodmap-arme Kost relativ vielen Patienten Linderung bringt und daher weitgehend risikofrei ausprobiert werden kann.