Mikrobiologie Die Zeitbombe

SZ-Grafik; Quelle: Direk Limmathurotsakul, Nature Microbiology

Das Bakterium Burkholderia pseudomallei tötet Zehntausende Menschen im Jahr. Doch kaum ein Arzt kennt den Krankheitserreger.

Von Kai Kupferschmidt

Der 82 Jahre alte Mann kam in das Krankenhaus in Texas, weil eine eitrige Wunde an seiner Hand nicht heilen wollte. Als die Ärzte den Erreger erkannten, staunten sie nicht schlecht: Es war Burkholderia pseudomallei, ein Bakterium, das vor allem von Reisbauern in Thailand bekannt ist. Noch mehr staunten die Ärzte als klar wurde, wie der Patient sich angesteckt hatte: Er war im März 1942 vor der Küste der Philippinen von japanischen Truppen gefangen genommen worden und saß dann zwei Jahre in einem Internierungslager. Offenbar hatte er sich dort infiziert. Nach mehr als 60 Jahren ohne Beschwerden war das Bakterium erwacht.

Die Fallstudie, die Ärzte 2005 veröffentlichten, zeigt, dass Burkholderia pseudomallei sich über Jahrzehnte im Körper verstecken kann. Die Eigenschaft hat dem Bakterium auch den Spitznamen "vietnamesische Zeitbombe" eingebracht. Der Erreger scheint aber auch sonst ein Meister der Tarnung zu sein. Ein internationales Forscherteam um den thailändischen Mikrobiologen Direk Limmathurotsakul warnt nun, dass das Bakterium viel weiter verbreitet ist als bisher angenommen. Mit Hilfe eines Modells haben die Forscher errechnet, dass sich im vergangenen Jahr vermutlich mehr als 150 000 Menschen mit dem Erreger infiziert haben. Etwa 90 000 Menschen seien daran gestorben. Das sind etwa so viele, wie an den Masern sterben und weit mehr als zum Beispiel an Denguefieber, schreiben die Autoren im Fachblatt Nature Microbiology. Das Erschreckende: Die Krankheit ist kaum bekannt und in vielen Ländern wissen nicht einmal die Ärzte, dass das Bakterium dort vorkommt.

Burkholderia pseudomallei ist ein Bodenbakterium. Vor allem durch offene Wunden gelangt es in den Körper, etwa wenn Reisbauern barfuß im Feld arbeiten. Es kann aber auch eingeatmet oder mit verschmutztem Wasser aufgenommen werden. Beim Menschen verursacht es Melioidose, eine Krankheit, die sich ganz unterschiedlich äußern kann: als Abszess, Lungenentzündung oder Blutvergiftung. Es gibt keinen Impfstoff und der Erreger ist von Natur aus gegen viele Antibiotika resistent. In ihrer schwersten Form tötet die Krankheit 90 Prozent der Patienten.

Beschrieben wurde Melioidose erstmals vom britischen Pathologen Alfred Whitmore nach der Obduktion von Opiumsüchtigen in Rangun. Seither gilt die Krankheit als heimisch in Südostasien. Im Nordosten Thailands ist es nach HIV und Tuberkulose die tödlichste Infektionskrankheit. Aber auch in Singapur und im Norden Australiens gibt es viele Fälle. Und in den vergangenen Jahren ist die Krankheit aus immer neuen Ländern gemeldet worden. Wo immer Forscher in den Tropen gezielt nach der Krankheit suchten, hätten sie sie auch entdeckt, sagt Alfredo Torres, ein Infektionsforscher an der University of Texas Medical Branch in Galveston. "Brasilien, Indien. Es ist immer die gleiche Geschichte."

Das Team um Limmathurotsakul hat nun erstmals für den gesamten Globus untersucht, wo das Bakterium in der Erde überleben könnte. Dafür teilten die Forscher die Erdoberfläche in acht Millionen Quadrate von fünf mal fünf Kilometern Länge ein. Mit Hilfe von Daten über die Bodenbeschaffenheit, Niederschläge und Temperaturen errechneten sie für jedes Landstück, wie geeignet es für das Bakterium ist. Außerdem nutzten sie Meldungen über 22 000 Krankheitsfälle in den vergangenen hundert Jahren.

Das Modell legt nahe, dass die Krankheit in den Tropen weit verbreitet ist. In Europa und dem nördlichen Amerika kann Burkholderia pseudomallei dagegen kaum überleben. So komme das Bakterium vermutlich in 34 Ländern vor, in denen es noch nie nachgewiesen wurde, schreiben die Forscher in ihrem Bericht. Wie bei jedem Modell, sind die Zahlen unsicher, die Autoren geben als wahrscheinlichen Bereich 68 000 bis 412 000 Krankheitsfälle an, die Zahl der Toten schätzen sie auf 36 000 bis 227 000.

"Das ist eine wichtige Studie", sagt Peter Hotez vom Baylor College of Medicine in Houston, Texas. Denn bisher habe es keine zuverlässige Schätzung gegeben. "Die Zahl der Toten zeigt, dass Melioidose sogar eine der führenden Todesursachen bei den vernachlässigten Krankheiten ist." In ihren Symptomen ähnelt sie anderen Leiden, der Erreger ist schwer nachzuweisen. "Auf den ersten Blick sieht so eine Kultur aus, wie eine Verunreinigung von Bodenbakterien", sagt Limmathurotsakul. "Und in vielen Ländern haben Ärzte einfach nicht gelernt, das Bakterium in Betracht zu ziehen." Die Weltgemeinschaft müsse dringen mehr gegen Melioidose tun. Der Mikrobiologe hat eine Liste mit 79 Ländern erstellt, darunter große Teile Afrikas und Südamerikas, in denen nur ein Bruchteil der tatsächlichen Infektionen entdeckt werden. "Erst wenn klar ist, wo das Bakterium überhaupt vorkommt, können auch Maßnahmen ergriffen werden, damit weniger Menschen erkranken", sagt Limmathurotsakul.