Medizinisches Marihuana Notlösung aus dem Blumentopf

Heilmittel oder zusätzliche Gefahr? Medizinisches Marihuana ist nicht gut untersucht.

(Foto: David McNew/AFP)

In Ausnahmefällen sollen schwerkranke Menschen Cannabis zur Linderung ihrer Leiden anbauen dürfen. Doch hilft das Rauschmittel überhaupt?

Von Berit Uhlmann

Eine Erleichterung" nennen Schmerz- und Palliativmediziner das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln. Die Richter entschieden, Schwerkranken künftig unter Umständen den Anbau von Cannabis zu erlauben. "Nachvollziehbar und sinnvoll", kommentiert sogar die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, deren Aufgabe ja eigentlich ist, vor den Gefahren von Drogen zu warnen. Obgleich das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, nahmen es erste Politiker zum Anlass, die Legalisierung von Cannabis zu thematisieren.

Dabei stellen sich nicht nur Fragen der Sicherheit, etwa wie Missbrauch ausgeschlossen werden kann, wenn Kranke ihre eigene Hanfzucht anlegen. Fraglich ist auch, wie gut das Cannabis aus dem Blumentopf tatsächlich hilft.

"Das ist ein großes Problem", sagt Joachim Nadstawek, Vorsitzender des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin. "Es gibt viele einzelne Fallberichte, in denen gerauchtes Cannabis sich als wirkungsvoll herausgestellt hat." Der Bonner Schmerzmediziner hat selbst beobachtet, wie Patienten mit schwerer Migräne, mit quälenden Rücken- und Eingeweideschmerzen sich durch den regelmäßigen Joint wieder besser fühlten und weniger Opioide benötigten. "Doch es gibt keine einzige Studie, in der ganze Pflanzenbestandteile nach dem Goldstandard der Medizin untersucht wurden." Dies wären placebokontrollierte Studien, bei denen weder die Ärzte noch die Patienten wissen, wer einen Wirkstoff und wer ein Scheinmedikament bekommt.

Untersucht sind bislang lediglich einzelne Inhaltsstoffe der Hanfpflanze wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol. Und schon bei diesen Stoffen sind hochwertige wissenschaftliche Arbeiten nicht eben zahlreich. Am besten belegt ist, dass die Kombination zweier Cannabis-Inhaltsstoffe Spastiken dämpfen kann, an denen Patienten mit Multipler Sklerose häufig leiden. In der bislang größten Studie erwies sich das Medikament namens Nabiximols einem Placebo überlegen. Untersucht wurden aber insgesamt nur 572 Patienten.

"Hinter Cannabis-Studien steht keine Pharmaindustrie, da die Pflanzen nicht patentierbar sind"

Wie stark reine Cannabis-Medikamente Schmerzen lindern, ist nur in kleineren Studien getestet. Diese liefern allenfalls Hinweise auf eine Wirksamkeit. Helfen könnten einzelne Cannabis-Inhaltsstoffe möglicherweise auch bei Störungen der Blasenfunktion, schrieben US-Forscher jüngst in einer Übersichtsarbeit für das Fachblatt Neurology. Dagegen scheinen Patienten mit Tremor ihr Zittern auch mit medizinischem Marihuana nicht unter Kontrolle zu bringen. Wie hilfreich es bei Epilepsie, Huntington Disease und dem Tourrettesyndrom ist, ließen die Neurologen offen, zu gering war die wissenschaftliche Evidenz.