Medizinische Studien Kleine Untersuchung, große Wirkung

"Fünfmal so hilfreich wie bisherige Methoden": Warum Vorsicht geboten ist, wenn wissenschaftliche Studien solch große Effekte versprechen.

Von Werner Bartens

Es gibt nur wenige Fachartikel, die eine so eindeutige Nutzen-Schaden-Bilanz ergaben wie jener, den Gordon Smith und Jill Pell 2003 im British Medical Journal veröffentlichten. In ihrer Parodie auf Übersichtsartikel fanden sie keine Vergleichsstudie, in der die "Herausforderung der Schwerkraft" aus einer Höhe von mehr als 100 Metern mit und ohne Fallschirm verglichen wurde. Sie kamen trotzdem - rein rechnerisch - zu dem Ergebnis, dass die Risiken für Tod oder Trauma beim Sprung aus dem Flugzeug durch Fallschirme um mehr als das Tausendfache gesenkt werden. Kaum eine Studie wies je wieder einen so gewaltigen Schutzeffekt aus.

Versprechen medizinische Studien seriöserer Art dennoch eine extrem große Wirkung, ist Vorsicht geboten, warnen Mediziner um John Ioannidis von der Universität Stanford im Journal of the American Association vom heutigen Mittwoch (Bd. 308, S. 1676, 2012). Denn in den meisten Fällen sind die angeblichen Effekte nur dann groß, wenn die Studie klein oder aus anderen Gründen von mäßiger Qualität ist.

Das Team um Erstautor Tiago Pereira hat die Datenauswertungen aus mehr als 3500 Übersichtsarbeiten analysiert. In immerhin 9,7 Prozent der Studien fanden sich zunächst besonders große Effekte, etwa die fünffache Linderung von Schmerzen oder anderer Messwerte.

Bei 6,1 Prozent der untersuchten Studien verschwand die beobachtete enorme Wirkung aber sofort wieder, wenn die Untersuchung - zumeist methodisch gründlicher - oder mit mehr Probanden wiederholt wurde. Nur bei weniger als zehn Prozent der Studien, in denen ein enormer Effekt von einer fünffachen oder noch größeren Veränderung behauptet worden war, ließen sich diese dauerhaft bestätigen. "Große Wirkungen finden sich zumeist nur in einzelnen, kleinen Studien", sagt Ioannidis. "Werden hingegen mehrere Untersuchungen gemacht, verschwinden sie oft erstaunlich schnell wieder."

Für die medizinische Praxis hat es erhebliche Auswirkungen, wenn die Bedeutung einer Therapie oder Untersuchung übertrieben oder verniedlicht wird. So wurde beispielsweise die Aussagekraft der Homocystein-Konzentration im Blut lange überbewertet. War der Wert der Aminosäure erhöht, galt das als ähnlich schlimm wie stark erhöhtes Cholesterin. 1991 hatte schließlich eine kleine aber viel beachtete Studie gezeigt, dass bei 16 von 38 Patienten mit Schlaganfall, bei 7 von 25 Patienten mit arterieller Verschlusskrankheit und bei 18 von 60 Kranken mit engen Kranzgefäßen erhöhte Werte vorlagen. In einer Vergleichsgruppe Gesunder wiesen hingegen alle normale Blutspiegel auf.

Sofort schrieben Forscher von einer 20-fach erhöhten Gefahr für Schlaganfall und Infarkt. Die medizinische Gemeinde war alarmiert; in der Folge wurde die Studie 1450-mal zitiert. Erhöhte Homocystein-Spiegel galten seitdem in Ärztekreisen als etablierter Risikofaktor für Herzkreislaufleiden. Was kaum beachtet wurde: Eine Studie an mehr als 16 000 Patienten aus dem Jahr 2000 ergab ein nur 1,5-fach erhöhtes Risiko durch Homocystein. Sie wurde allerdings in der Fachwelt kaum wahrgenommen und nur 37-mal zitiert.

"Trommelfeuer an kleinen Verbesserungen"

"Die Zeiten der großen Entwicklungssprünge in der Medizin - Beispiel Antibiotika - sind vorbei", sagt Gerd Antes, Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg, das die Qualität medizinischer Studien bewertet. Gleichwohl mache die Medizin "durch ein wahres Trommelfeuer an kleinen Verbesserungen" weiterhin Fortschritte, die addiert immerhin so viel ausmachen könnten wie eine große Entdeckung. "Allerdings ist die Gefahr sehr groß, dass durch schlampige oder fehlerhafte Arbeiten die Wirkungen massiv übertrieben oder Schäden nicht erkannt werden", so Antes. "Von der Planung über die Durchführung bis zur Auswertung von Studien ist daher die Forderung: Keine Kompromisse bei der Qualität."

Andrew Osman empfiehlt, dass Ärzte wie Gesundheitspolitiker bescheidener sein und zugeben sollten, wie unsicher es ist, ob und in welchem Ausmaß sie Krankheiten effektiv behandeln oder gar vorbeugen können. "Die meisten Fachartikel richten sich nach den Interessen der Autoren und oft sind sie übertrieben", schreibt der norwegische Gesundheitswissenschaftler in einem Kommentar für das Journal of the American Association. "Es gibt zwar etliche effektive Eingriffe, aber nur einige davon haben wirklich eine große Wirkung, bei den meisten ist der Einfluss bescheiden und bei vielen der Effekt schlicht ungewiss."