Medizinermangel Europäische Ärztewanderung

Ein Neugeborenes in einer Klinik in Sofia.

(Foto: AFP)

Deutsche Ärzte ziehen nach Skandinavien oder in die Schweiz. Für sie rücken osteuropäische Mediziner nach - und hinterlassen in ihrer Heimat dramatische Zustände.

Von Klaus Brill, Prag

Sie sind zornig, und sie gehen - nicht nur des Geldes wegen. In Tschechien, Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas haben junge Ärzte in den vergangenen Jahren zu Tausenden ihre Heimat verlassen, und sie tun es immer noch. Sie wandern aus in westliche EU-Länder, vor allem nach Deutschland. Dort füllen sie in den Krankenhäusern die Lücken, die durch den Abmarsch deutscher Mediziner nach Skandinavien oder in die Schweiz entstehen.

Die Leidtragenden dieser Rotation sind die Patienten in den Herkunftsländern der Migranten. In Tschechien, Polen, der Slowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien herrscht im Gesundheitswesen ein dramatischer Notstand, vor allem in ländlichen Gebieten. Kliniken sind hoffnungslos unterbesetzt, in den Praxen gibt es unmäßig lange Wartezeiten. Doch die Bemühungen der Regierungen um Verbesserungen kommen seit Jahren kaum voran. Bei den Beschäftigten im Gesundheitswesen verschärft dies nur den Frust - und treibt noch weitere Frauen und Männer zur Emigration, nicht nur Doktoren, sondern auch Pflegepersonal.

Dabei hatte die Entwicklung schon vor ein paar Jahren einen Siedepunkt erreicht, an dem die Politiker grundlegende Verbesserungen versprachen. In Tschechien, Polen, der Slowakei und Ungarn demonstrierten damals Zehntausende Mediziner und Krankenschwestern immer wieder für Gehaltserhöhungen sowie für eine Verbesserung der Ausbildung und der Arbeitsbedingungen. Unter dem Motto "Danke, wir gehen" kam es in Tschechien zu einer spektakulären Protestaktion: Rund 4000 der 16 000 Krankenhausärzte reichten am Jahresende 2010 ihre Kündigungen ein.

In erster Linie verlangten sie mehr Geld. Ihre Monatsgehälter lagen bei rund 2000 Euro, eine Unzahl Überstunden inklusive. In Deutschland bot man ihnen mehr als das Doppelte.

Der damalige tschechische Gesundheitsminister versprach spürbare Anhebungen, doch wurde dies bis heute nicht wirklich erfüllt. Vor drei Wochen immerhin beschloss das Parlament in Prag für 2015 für die Beschäftigten der Kliniken eine Gehalts-Aufstockung um fünf Prozent.