Demenz Auf der Suche nach einem Alzheimer-Medikament

Alles gelöscht im Gehirn? Illustration: Stefan Dimitrov

Auch am 100. Todestag von Alois Alzheimer steht die Forschung vor einer großen Frage: Was tun gegen den schleichenden Gedächtnisverlust?

Von Kathrin Zinkant

Der Arzt muss vor dem offenen Schädel seiner mit 55 Jahren verstorbenen Patientin gestanden haben wie ein Kriminalkommissar am Tatort. Seit fünf Jahren hatte Auguste Deter unter massivem Gedächtnisverlust gelitten. Jetzt erblickte Alois Alzheimer endlich den Täter: Eine gelbliche Masse umlagerte das Gehirn der Toten, Ablagerungen, Plaques - ein erdrückendes Gewicht auf den zarten Nervenzellen.

Der Rest der Geschichte ist Legende: Alzheimer hatte an diesem Tag im April 1906 eines der wichtigsten Leiden des 21. Jahrhunderts entdeckt: die nach ihm benannte Alzheimer-Demenz. Und gerade jetzt, am 100. Todestag des Arztes, blickt die Forschung wieder auf ein turbulentes Jahr zurück: Im Sommer hatte eine Studie große Hoffnung auf eine wirksame Therapie geschürt, erstmals sollte ein Mittel in der Lage sein, die Krankheit aufzuhalten.

Es wurde also, wie immer, einiges versprochen

Eine andere Studie wollte belegt haben, dass ein längst verfügbares, viel verschriebenes Medikament zumindest die Symptome der häufigsten Demenzerkrankung so stark lindert, dass die Betroffenen etwas länger zu Hause leben können. Es wurde also, wie immer, einiges versprochen.

Immer neue Ergebnisse stifteten Verwirrung: Eisen beschleunige die Erkrankung, Kaffee schütze davor. Das Gehirn auf 16 Grad zu kühlen, halte zumindest Mäuse fit. Ebenfalls in Nagetieren soll eine Chemikalie die mutmaßlich gefährlichen Ablagerungen im Gehirn einfach auflösen können. Zucker hingegen: reines Gift. Alzheimer könnte eine dritte Diabetesform sein. Andere Wissenschaftler haben möglicherweise den Marker für einen neuen Bluttest auf Alzheimer gefunden. Und festgestellt, dass in erkrankten Mäusen das Immunsystem unterdrückt zu sein scheint. Lauter Puzzleteilchen, von denen niemand weiß, ob sie überhaupt zusammenpassen.

OP-Bestecke können den Alzheimerkeim übertragen?

Und über allem liegt die Angst. Die Deutsche Alzheimergesellschaft e. V. warnt zum Todestag des Entdeckers vor drei Millionen Demenzkranken bis zum Jahre 2050 allein in Deutschland. Etwa zwei Millionen davon werden Alzheimer bekommen. Und zu allem Überfluss behaupteten britische Wissenschaftler im September auch noch, Alzheimer sei ansteckend. Ihre Studie erschien im hoch angesehenen Journal Nature, die beteiligten Forscher gelten seit vielen Jahren als Koryphäen auf dem Gebiet der Prionen. So heißen die infektiösen Eiweiße, die auch den Rinderwahn übertragen.

"Ich habe mich sozusagen verloren"

Die Hausfrau Auguste war die erste von unzähligen Alzheimerpatienten: Unbekannte Senioren traf es genauso wie Staatenlenker, Sportler, Sprachvirtuosen. Erinnerungen an jene, die dem Vergessen anheimfielen. mehr ... Ratgeber Alzheimer

Jetzt sollte auch das Alzheimer-Eiweiß solche Eigenschaften haben, also tatsächlich übertragbar sein. Zwar wurde schnell klar, dass sowohl die Zahl der untersuchten Patienten (vier), als auch die weitreichenden Rückschlüsse (OP-Bestecke können den Alzheimerkeim übertragen) keinem wissenschaftlichen Standard genügten. Doch wer mit diesen umstrittenen Details nicht vertraut war und in engem Kontakt mit Alzheimerkranken stand, dem konnte eigentlich nur bange werden. Und der musste sich umso mehr fragen: Warum kann die moderne Medizin noch immer nichts gegen dieses furchtbare Leiden ausrichten?