Medizin Wie die Pharmaindustrie die Ärzte beeinflusst

Medikamente: Wer zahlt, wer verdient?

(Foto: dpa)

Die Firmen versuchen mit Tricks, die Verschreibungen ihrer Medikamente zu steigern. Selbst wenn Mediziner über ihre Nähe zu den Unternehmen berichten, hat das kaum Konsequenzen.

Von Astrid Viciano

Die Kampagne kam zunächst wie ein Ruf nach Freiheit daher, die Frau sollte endlich zum Zuge kommen, auch im Bett. Gab es für den Mann doch seit Jahren Viagra und ähnliche Helfershelfer im Liebesspiel, war es nun höchste Zeit, auch eine weibliche Sexpille auf den Markt zu bringen.

Feministische Gruppen verlangten danach, auch Sexualmediziner unterstützten die Initiative für die Einführung des Medikaments Flibanserin. "Das half, die Zulassung der umstrittenen Arznei in den USA zu ergattern", meint Lisa Bero, Pharmakologin an der Universität Sydney. Im August 2015 kam Flibanserin unter großem Getöse in den USA auf den Markt.

"Patientenorganisationen spielen eine zunehmend wichtigere Rolle im Gesundheitswesen"

Was wie eine feministische Kampagne aussah, entpuppte sich allerdings als Marketingstrategie der Firma Sprout Pharmaceuticals - des Herstellers des Medikaments. Geschickt hatte das Unternehmen namhafte Frauenorganisationen mit ins Boot geholt, um auf die Öffentlichkeit und schließlich auf die Zulassungsbehörde FDA Einfluss zu nehmen.

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"Patientenorganisationen spielen eine zunehmend wichtigere Rolle im Gesundheitswesen", schreibt Lisa Bero in JAMA Internal Medicine. Das Fachjournal veröffentlichte gerade eine Artikelserie über Interessenskonflikte in der Medizin. Experten beschreiben darin, wie die Pharmaindustrie über Ärzte und Patientenorganisationen die Verschreibung von Medikamenten beeinflusst.

So waren von 289 Patientenorganisationen in den USA zwei Drittel durch Firmen mitfinanziert, fast die Hälfte der Geldmittel stammte von der Pharmaindustrie oder Biotech-Firmen, ergab eine der Studien im JAMA. Zehn Prozent der befragten Organisationen erhielten jährlich mehr als eine Million Dollar. "Gerade große Organisationen können erheblichen Einfluss ausüben, im Sinne der Industrie, von der sie Mittel erhalten", schreibt Susannah Rose, Leiterin der Abteilung für Bioethik der Cleveland-Klinik und Erstautorin der Studie.

Mächtigen Gegenwind spürten zum Beispiel die Centers for Disease Control (CDC), als sie im vergangenen Jahr nach Wegen suchten, den Missbrauch starker Schmerzmittel - der Opioide - in den USA zu reduzieren. Von 1999 bis 2014 starben dort 165 000 Menschen an einer Überdosis, auch den Pop-Sänger Prince traf es im vergangenen Jahr. Die CDC hatte daher einen Entwurf für neue Richtlinien veröffentlicht, um den Missbrauch einzudämmen.

Kritisch dazu äußerten sich 38 Prozent jener Patientenorganisationen, die von den Opioid-Herstellern mitfinanziert waren. Unter den pharmaunabhängigen Gruppen waren es dagegen nur sechs Prozent, berichtet der Epidemiologe Caleb Alexander von der Johns Hopkins University. Keine der 45 pharmanahen Patientengruppen hatte ihre Beziehungen zur Industrie in ihren Kommentaren erwähnt. "Wir brauchen viel größere Transparenz", fordert Alexander.

15 000 Pharmavertreter besuchen jährlich 20 Millionen Mal deutsche Praxen und Kliniken

Doch selbst wenn Mediziner über ihre Nähe zu Pharmafirmen berichten, hat das bislang kaum Konsequenzen. In den USA wie auch in Deutschland müssen Mediziner seit dem Jahr 2011 Interessenskonflikte offenlegen, wenn sie zum Beispiel als Experten an neuen Therapieleitlinien arbeiten. "Die Betroffenen stimmen in den Kommissionen trotzdem über die neue Behandlung ab", sagt Christiane Fischer, Geschäftsführerin von Mezis, der "Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte".

Nur wenige Fachgesellschaften in Deutschland bestehen auf unabhängige Experten für ihre Leitlinien-Kommissionen, zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft hat im Jahr 2014 die Regel aufgestellt, dass möglichst nur unabhängige Experten neue Medikamente oder Therapien bewerten dürfen.

Allerdings besuchen noch immer rund 15 000 Pharmavertreter jährlich etwa 20 Millionen Mal deutsche Praxen und Krankenhäuser. "Es fehlt in Deutschland noch immer an Problembewusstsein", sagt Klaus Lieb, Vorsitzender des Fachausschusses für Transparenz und Unabhängigkeit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Das gilt besonders auch für Ärzte, die auf Twitter Ratschläge zu Gesundheitsthemen verbreiten. In einer weiteren JAMA-Studie berichten Forscher nämlich, dass 80 Prozent der 634 auf Twitter aktiven amerikanischen Hämatologen Geld von der Industrie erhalten. Davon erfahren ihre Follower jedoch nichts.

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