Medizin Psychiatrie: Entwertung hinter verschlossenen Türen

Ärzte, die Patienten einschließen, wollen sie schützen. Doch ob dies funktioniert, ist fraglich.

(Foto: Catherina Hess)

Nur in der Psychiatrie ist es üblich, Patienten wegzuschließen. Dabei fehlen sichere Erkenntnisse zum Sinn dieser Praxis. Ein Plädoyer für eine offene Psychiatrie.

Gastbeitrag von Karl H. Beine

Die deutsche Psychiatrie wird ihren schlechten Ruf nicht los. Daran haben auch die aufwendigen Kampagnen der vergangenen Jahre gegen die Stigmatisierung seelisch Kranker nichts geändert. Beim Gang zum Psychiater, da treffen wir nicht gern unseren Arbeitskollegen und über einen psychiatrischen Klinikaufenthalt reden wir am liebsten gar nicht. Wenn man mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt, dann schämt man sich nicht auch noch zusätzlich, wohl aber, wenn man wegen einer Depression in eine psychiatrische Klinik muss.

Info

Karl H. Beine, 65, ist Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm.

Woran liegt das? Zum einen wohl daran, dass wir - allen Beteuerungen zum Trotz - psychische Krankheiten anders empfinden und bewerten als körperliche Erkrankungen. In ihren Ursachen weitgehend ungeklärt und mit dem hohen Risiko behaftet, chronisch zu werden, machen uns psychische Erkrankungen große Angst. Die ungezählten Witze über "Verrückte", "Trinker" und "Demente" legen beredtes Zeugnis ab von der vordergründig humorigen Variante unserer Angstabwehr.

Zum anderen hat es wohl zu tun mit der Geschichte der Psychiatrie. Sie ist die einzige medizinische Disziplin, die schon einmal ihre eigenen Patienten systematisch ermordet hat. Auch wenn die deutsche Psychiatrie sich mittlerweile ihrer Verantwortung für diese Verbrechen stellt - das vorhandene Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber der Psychiatrie ist tief verwurzelt.

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Die weit verbreitete Angst, eines Tages aus nicht recht nachvollziehbaren Gründen hinter geschlossenen Türen in der Psychiatrie zu landen und einer willkürlichen Behandlung ausgesetzt zu sein, ist Ausdruck und Verstärker dieses Misstrauens. So wird die Psychiatrie in der öffentlichen Wahrnehmung nicht von ungefähr vorwiegend mit Freiheitsentzug und Zwangsbehandlung in Verbindung gebracht. Man wirft ihr vor, psychisch kranke Menschen allzu schnell hinter geschlossenen Türen verschwinden zu lassen. Tatsächlich trifft es ja auch zu, dass es nur in der Psychiatrie üblich ist, bestimmte Patienten wegzuschließen. Das passiert in anderen medizinischen Fächern einfach nicht.

Die Psychiatrie selbst tut einiges dafür, Vorbehalte zu bestärken. Im Jahr 2012 gab es 1,2 Millionen Behandlungsfälle mit psychischen Erkrankungen in deutschen Krankenhäusern. In den vergangenen 20 Jahren ist die Anzahl der Zwangseinweisungen in Deutschland um zwei Drittel gestiegen - auf 137 872 im Jahr 2012. Die Unterbringungs-Maschinerie läuft wie geschmiert: Psychiatrie und Justiz arbeiten dabei Hand in Hand.

In den meisten Gerichtsbeschlüssen wird die Notwendigkeit einer "geschlossenen Unterbringung" bescheinigt. Und in den Kliniken hat sich der Automatismus festgesetzt: Unterbringung gleich geschlossene Station. Dabei überlässt der Gesetzgeber es längst der Psychiatrie, mit welchen Mitteln sie eine Unterbringung realisiert.

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