Infektionskrankheiten "Flüchtlinge sind nicht gefährlich, sondern gefährdet"

Natürlich helfen Ärzte in Flüchtlingsunterkünften und Aufnahmelagern, wenn dort Menschen krank sind. Doch die medizinische Versorgung ist unzureichend organisiert.

(Foto: Ingo Wagner/dpa)

Schleppen die Flüchtlinge massenhaft Krankheiten ein? Fachleute verneinen. Das Problem liegt in Deutschland.

Von Werner Bartens

Man kann gleich zu Anfang Entwarnung geben, die Sorgen sind unbegründet. "Es gibt Ängste, dass Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen Krankheiten mitbringen, besonders Infektionskrankheiten", sagt Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts. "Das ist aber nicht der Fall. Von Flüchtlingen geht keine Gesundheitsgefahr aus, das wissen wir inzwischen aus validen Daten. Die Menschen, die zu uns kommen, haben vielmehr die Krankheiten, die auch die Deutschen haben und die man mit Impfungen gut in den Griff bekommen kann."

Die Angst vor gefährlichen Krankheiten, die angeblich nach Deutschland eingeschleppt werden, ist verbreitet. Nicht nur Propagandisten am rechten Rand machen sich diese Befürchtungen zunutze. Schließlich haben Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Somalia, Eritrea und anderen Regionen der Welt eine entbehrungsreiche Flucht hinter sich - oftmals unter miserablen hygienischen Umständen, die diverse Leiden begünstigen könnten. Sie stammen aus Ländern, in denen exotische Erkrankungen heimisch sind und geimpft sind viele Flüchtlinge auch nicht ausreichend. Genügend Gründe also, um sich bedroht zu fühlen und neue oder vermehrt auftretende Krankheiten zu fürchten?

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"Die sind alle krank, haben Tuberkulose und bringen exotische Leiden hierher, lautet die Sorge", sagt eine Ärztin vom öffentlichen Gesundheitsdienst der Stadt München. "Dabei ist das an den Haaren herbeigezogen, alle unsere Erhebungen belegen das Gegenteil. Die Flüchtlinge sind nicht gefährlich, sie sind vielmehr gefährdet." Ihre Lebensumstände in den Notunterkünften und Aufnahmelagern tragen dazu bei, dass sie - geschwächt von der Flucht - hier krank werden oder es bleiben.

Aktuelle Zahlen, die das Robert-Koch-Institut kurz vor Weihnachten publiziert hat, untermauern diese Einschätzung. In der 50. Kalenderwoche 2015 wurden bundesweit 168 meldepflichtige Infektionskrankheiten bei den Hunderttausenden Asylsuchenden registriert. In den zehn Wochen zuvor, von Ende September bis Mitte Dezember, waren es insgesamt knapp 1900 Fälle. Ein geringer Anteil, angesichts der vielen Menschen, die ins Land gekommen sind. Und wirklich bedrohlich sind die wenigsten Leiden; zudem sind die Einheimischen durch Impfungen oder ihre Konstitution gut davor geschützt.

Flüchtlinge schleppen keine gefährlichen Krankheiten ein, diese Furcht ist unbegründet

In erster Linie leiden Flüchtlinge unter jenen Krankheiten, vor denen Impfungen sie bewahren würden oder die gut behandelt werden können, besonders Windpocken, Tuberkulose, Hepatitis B und Influenza. Eine weitere große Gruppe bilden die Magen-Darm-Infektionen, die mit einfachster Hygiene verhindert werden könnten, ausgelöst häufig durch Rota- oder Noro-Viren. Kinder im Alter bis zu vier Jahren sind besonders oft von diesen lästigen Leiden betroffen, sie haben mit den schlechten hygienischen Bedingungen am meisten zu kämpfen.

Auch Daten aus diversen Notunterkünften und Aufnahmelagern, die im Deutschen Ärzteblatt und in regionalen ärztlichen Mitteilungen publiziert worden sind, bestätigen das Bild: Infektionskrankheiten und Magen-Darm-Leiden stehen an erster Stelle, dazu Zahnprobleme, Skabies, wie die Krätze medizinisch genannt wird und Läuse. Aber Läuse gibt es auch bei Kindern in wohlhabenden Gegenden, das ist nicht spezifisch für Flüchtlinge.

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Sowohl körperlich als auch seelisch sind besonders kleine Kinder von den Strapazen der Flucht gezeichnet. "Die Kinder leiden, wenn die Eltern leiden", sagt die Ärztin. "Verwunderlich ist das nicht: Die Kinder reagieren normal auf unnormale Situationen, wie sie die Flucht und das Leben in einer Massenunterkunft nun mal darstellen." Im British Medical Journal fordern Ärzte ihre Kollegen gerade dazu auf, sich vermehrt in der Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen zu engagieren (Bd. 351, S. h6731, 2015). Es fehlen Fachleute, die seelische Störungen und die Folgen von Folter, Trauma und Flucht erkennen und behandeln können.