Medizin am Ende des Lebens "Oft fehlt die Frage nach dem Ziel der Behandlung"

Claudia Bausewein hat seit 2012 den Lehrstuhl für Palliativmedizin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität inne und leitet die Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin im Klinikum Großhadern. Eine palliativmedizinische Behandlung setzt in erster Linie auf Symptomlinderung bei unheilbar Kranken.

Nicht alle Ärzte können ihre Patienten in Ruhe sterben lassen. Palliativmedizinerin Claudia Bausewein über unnötige Therapien und wirksame Linderung in der letzten Lebensphase - und wie diese durch eine Patientenverfügung abgesichert werden kann.

Von Eva Dignös

Süddeutsche.de: Viele Menschen verfassen eine Patientenverfügung, weil sie Angst haben, irgendwann einer Medizin ausgeliefert zu sein, die ihr Leben um jeden Preis verlängert. Zu Recht?

Bausewein: Die Medizin bietet heute so viele Möglichkeiten, dass wir manchmal nicht mehr ausreichend abwägen, ob das, was möglich, auch sinnvoll ist. Wir müssen am Lebensende kritischer hinterfragen, welches Therapieziel wir eigentlich verfolgen. Ist mein Ziel Lebensverlängerung? Ist es eine Verbesserung der Lebensqualität? Oder kommen wir vielleicht an den Punkt, an dem es um ein friedliches Sterben geht? Und an diesem Ziel muss ich meine Maßnahmen orientieren. Weil diese Schritte oft fehlen, kommt es zu einer Übertherapie und das schürt bei den Patienten zu Recht Ängste. Auch viele Diskussionen über aktive Sterbehilfe sind sehr stark getriggert durch die große Angst, am Lebensende vollkommen ausgeliefert zu sein.

Was kann Palliativmedizin in solchen Situationen leisten?

Wenn wir als Palliativmediziner beispielsweise von den Intensivstationen hinzugezogen werden, haben wir den Vorteil, dass wir von außen auf die Situation schauen. Als Arzt, der einen Patienten schon seit mehreren Wochen betreut, läuft man unter Umständen Gefahr, durch eine gewisse Therapieroutine möglicherweise die Frage nach dem Ziel der Behandlung aus dem Blick zu verlieren. Wir können dann fragen: Wo wollt ihr eigentlich hin? Hinzu kommt, dass viele Kollegen ihre Patienten über einen sehr langen Zeitraum behandeln und eine echte Beziehung zu ihnen und ihren Angehörigen entwickeln. Sich dann die Frage zu stellen, ob es noch Sinn macht, eine weitere Chemotherapie anzubieten, fällt viel schwerer.

Sind kranke Patienten lebensbejahender als gesunde Menschen?

Als Gesunde können wir oft nicht beurteilen, wie wir uns verhalten werden, wenn wir krank sind. Es ist immer wieder erstaunlich, wie kranke Menschen mit Situationen zurechtkommen, die sie als Gesunde für vollkommen inakzeptabel hielten. Die Seele kann Akzeptanzprozesse durchlaufen, die wir als Gesunde gar nicht so sehr abschätzen können.

Wie kann ich dann eine Patientenverfügung verfassen? Ich weiß doch noch nicht, welche Krankheiten ich einmal haben werde?

Menschen mit einer chronischen Erkrankung haben in der Regel eine sehr ähnliche letzte Wegstrecke, unabhängig davon, ob es sich beispielsweise um eine neurologische Erkrankung oder eine Krebserkrankung handelt. Für die letzten Stunden und Tage lassen sich deshalb durchaus Verfügungen treffen. Man könnte zum Beispiel formulieren: "Ich wünsche palliativmedizinische Behandlung und Symptomkontrolle." Oder die Frage von Ernährung und Flüssigkeitsgabe regeln.

Wenn sie den Patientenwunsch nach einem Verzicht auf künstliche Ernährung durchsetzen wollen, sehen sich manche Angehörige mit der Frage konfrontiert: "Soll er denn verhungern?"

Solche Suggestivfragen sind natürlich schwierig. Niemand will seinen Angehörigen verhungern oder verdursten lassen. Das geschieht bei richtiger palliativmedizinischer Begleitung auch nicht, da das Hunger- und das Durstgefühl in der Sterbephase deutlich abnehmen und der Patient meistens das Interesse an Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme verliert, da der Körper "umschaltet" und nicht mehr so viel braucht.