Mediennutzung Böse Bildschirme?

Rund die Hälfte der Eltern in Deutschland stellt ihren Kindern laut einer Studie keine Regeln zur Internet-Nutzung auf.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)
  • Initiativen wie "Schau hin!" raten Eltern, ihren Kindern strenge Zeitlimits für die Mediennutzung zu setzen.
  • Laut Neurowissenschaftlern sind die Empfehlungen jedoch kaum wissenschaftlich fundiert. Forscher bemängeln, dass nicht alle Medien gleich behandelt werden sollten.
  • Studien dokumentieren auch positive Effekte eines moderaten Medienkonsums, zum Beispiel ein höheres Wohlbefinden von Jugendlichen und eine bessere Motorik bei Kleinkindern.
Von Ali Vahid Roodsari

Übergewicht, Cybermobbing, Störungen von Schlaf und Entwicklung - Kritikern fällt vieles ein, was Bildschirme bei Kindern angeblich anrichten. Und sie wissen, was Abhilfe schafft: eine strenge Begrenzung der Nutzungszeit. Sie folgen dabei Empfehlungen, wie sie etwa von "Schau hin!" gegeben werden, einem Projekt des Familienministeriums in Zusammenarbeit mit ARD, ZDF und TV Spielfilm. Diese empfiehlt Eltern, Kindern bis fünf Jahren höchstens eine halbe Stunde Mediennutzung am Tag zu erlauben. Noch weiter geht eine Initiative in Großbritannien, die sogar eine Reaktion der Politik in Sachen Bildschirmzeit fordert.

Das war der Anlass, dass vor Kurzem Dutzende Psychologen und Neurowissenschaftler aus den USA und Europa in einem offenen Brief im Guardian protestierten: "Eltern hören immer, dass Bildschirme an sich gefährlich sind", schreiben sie. "Doch dafür gibt es schlicht keine soliden wissenschaftlichen Belege." Und: "Das Konzept der Bildschirmzeit an sich ist zu simpel und wahrscheinlich bedeutungslos."

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Gewiss gibt es bedenkliche Entwicklungen: Die sozialen Medien schaffen neue Kanäle zum Mobben. Und einige Studien zeigen, dass Smartphones im Kinderzimmer den Schlaf stören können. Wer die halbe Nacht auf neue Whatsapp-Nachrichten aus der Peer Group wartet, wird womöglich weniger schlafen. Wer vor der Nachtruhe interaktive Videospiele zockt oder aufregende Actionfilme guckt, wird vielleicht Mühe haben einzuschlafen. Und wer zehn Stunden am Tag vor dem Bildschirm sitzt, wird wohl eher dick werden und andere wichtige Dinge im Leben verpassen. Bloß: Dasselbe kann aber auch jemandem passieren, der den ganzen Tag Bücher liest und nebenbei Kekse futtert.

Zudem ist der Begriff Bildschirmzeit viel zu weit gefasst. Egal ob jemand ein E-Book auf dem iPad liest, einen Märchenfilm auf dem Bildschirm schaut oder auf der Playstation einen blutigen Egoshooter spielt, alles wird von vielen vermeintlichen Kinderschützern gleich behandelt. Und die von ihnen genannten Zeitspannen sind nach Ansicht der meisten Forscher ohnehin willkürlich. "Das sind pauschale Empfehlungen, die Eltern befolgen können", sagt Malte Elson, pädagogischer Psychologe an der Ruhr-Universität, der den offenen Brief im Guardian unterschrieben hat. "Aber ob ein paar Minuten länger schädlicher sind, dazu gibt es keine Daten."

Ähnlich klingt eine weitere Unterzeichnerin, Anne Scheel vom Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München: "Ich sehe nicht, dass für ein Baby, 20 Minuten mit der Oma zu skypen, schädlich sein soll." Sie verweist auf eine weitere Studie von Rachel Bedford in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology: Säuglinge, die schon früh einen Touchscreen bedienen, zeigen keine Anzeichen für Entwicklungsstörungen. Tatsächlich kann es sich sogar positiv auf die Motorik der Kinder auswirken.

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Auch bei Jugendlichen finden sich bislang kaum Hinweise auf Störungen. Eine kürzlich von Andrew Przybylski in Psychological Science veröffentlichte Studie zeigt, dass ein normaler Medienkonsum sogar das Wohlbefinden von Jugendlichen stärkt. Als gesundes Maß nannte der Forscher knapp zwei Stunden Smartphone-Nutzung unter der Woche und jeweils vier Stunden am Samstag und Sonntag. Alles darüber nehme zu viel Zeit für andere Dinge, alles darunter aber könne sich sogar negativ auf die sozialen Beziehungen der Jugendlichen auswirken.

Die neuen Medien haben positive Effekte auf die Kommunikationsfähigkeiten und Freundschaften bei Jugendlichen. Das zeigt eine Studie von Madeleine J. George, erschienen in Perspectives on Psychological Science: Schüchterne Jugendliche haben per Chat weniger Hemmungen zu kommunizieren. Auch lassen sich durch den einfachen und steten Austausch Freundschaften festigen. Wer dagegen kein Whatsapp hat, kann leicht einsam werden, etwa wenn er als Einziger in der Klasse nicht im Gruppenchat ist und so Einladungen zu Veranstaltungen verpasst.

Eltern sollten sich eher mit den Inhalten auseinandersetzen

Bei der Eltern-Kind-Beziehung finden sich ebenfalls Vorteile: Väter und Mütter, die auch online mit ihrem Spross Kontakt pflegen, haben eine größere Chance, mehr aus dessen Leben zu erfahren. Knackpunkt ist hier - wie auch bei allen anderen Medienthemen: Das Kind sitzt nicht nur den ganzen Tag vorm Bildschirm, sondern hat auch abseits davon eine gute Beziehung zu den Eltern.

Natürlich soll sich kein Kind zehn Stunden am Tag Horror-Videos aussetzen. Aber die von "Schau hin" empfohlene 30-Minuten-Regel ist keine gute Basis. Anne Scheel empfiehlt Eltern, sich mit den Bildschirm-Inhalten auseinanderzusetzen, statt exakte Minuten-Kontingente vorzugeben: "Die Kinder sollten einen ausgewogenen Tag haben und eintönige Aktivitäten nicht zu lange am Stück machen."

Und klar sollte vor allem eins sein: Besser als alle Verbote wirkt das gute Beispiel der Eltern. Falls es klare Regeln gibt, wie kein Smartphone beim Essen, dann sollten sie für alle gelten: "Man kann nicht sagen: Ich darf das, weil ich Erwachsener bin", sagt Elson. "So läuft das nicht."