Masern-Epidemie in Berlin Volles Risiko, tödliche Folgen

Ungefähr so sieht das Masern-Virus aus, wie eine Computer-Animation zeigt.

(Foto: imago/Science Photo Library)
  • In Berlin ist ein an Masern erkranktes Kleinkind gestorben und auch ein Jugendlicher leidet an schweren Nebenwirkungen der Krankheit. Derzeit gibt es in der Hauptstadt 574 Masern-Fälle - mehr als bundesweit im gesamten Jahr 2014.
  • In Einzelfällen können Masern eine Lungen- oder Gehirnentzündung zur Folge haben. Die tödliche Spätkomplikation SSPE trifft vor allem kleine Kinder.
  • Der Grund für den Ausbruch der Krankheit ist Impfskepsis. Manche Eltern fürchten Nebenwirkungen, andere glauben, die Krankheit sei wichtig für die Entwicklung des Immunsystems.
  • Ärzte halten dies für gefährlich und sprechen sich für die Schutzimpfung aus.
Von Christina Berndt

Kinderkrankheit - wie harmlos das klingt. Doch die Krankheiten, die nur deshalb nach den Kindern heißen, weil sie so ansteckend sind, dass schon die Jüngsten sie bekommen, sind alles andere als harmlos. Oft geht von ihnen eine erhebliche Gefahr aus, mitunter eine tödliche, wie jetzt ein trauriger Fall aus Berlin zeigt.

Dort starb am vergangenen Mittwoch ein kleiner Junge offenbar an den Folgen der Masern. Die genaue Todesursache wird nach Angaben der Berliner Charité, wo der Junge seit dem 13. Februar behandelt wurde, noch untersucht. 18 Monate alt war das Kind nach Angaben des Berliner Gesundheitssenators Mario Czaja. Wie sich der Junge angesteckt hat, ist noch nicht bekannt. Offenbar hatten die Eltern den Masern-Schutz versäumt, obwohl sie Impfungen nicht grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen. "Das Kind war geimpft, aber nicht gegen Masern", sagte Czaja. Aus Sicht von Fachleuten war es nur eine Frage der Zeit, dass sich ein solch tragischer Fall in Berlin ereignen würde, wo seit vergangenen Oktober die Masern grassieren. "Fast 600 Menschen sind dort inzwischen erkrankt", sagt Johannes Hübner, Leiter der Abteilung für pädiatrische Infektiologie am Haunerschen Kinderspital der Universität München. Bei so vielen Fällen sei es keine Überraschung, dass auch Verläufe mit schweren Komplikationen bis hin zum Tod vorkämen.

Wenn die Masern das Gehirn angreifen, kann dies den Tod bedeuten

Verhängnisvolle Impflücken

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Auf eins zu 1000 schätzen Fachleute die Gefahr für eine Lungen- oder Gehirnentzündung als Folge der Masern, die so harmlos mit Fieber und Husten beginnen und sich dann in roten Pusteln zeigen. Wenn die Masern das Gehirn angreifen, kann dies den Tod bedeuten. "Wir haben dann keinen Einfluss mehr auf den Verlauf", sagt Philipp Henneke, Leiter der Pädiatrischen Infektiologie an der Kinderklinik der Universität Freiburg.

Und wenn die Patienten die Hirnentzündung überleben, bleiben oft Schäden zurück. Etwa jedes dritte Kind hat Lernschwierigkeiten oder bleibt geistig oder körperlich behindert. "Masern sind eine sehr tückische Krankheit", betont Henneke - auch weil Menschen schon ansteckend sind, bevor sie sich krank fühlen.

Von einer schweren Nebenwirkung ist derzeit offenbar auch ein Jugendlicher im Berliner Ortsteil Lichtenrade betroffen. Dort schloss am Montag eine Sekundarschule. Mitschüler und Lehrer des Jugendlichen müssen nun Impfbücher vorlegen. In ganz Berlin sind ungeimpfte Lehrer aus dem Dienst genommen worden, weil sie die Krankheit weiterverbreiten könnten, bevor sie sie an sich wahrnehmen.

Die Masernimpfung schützt ein Leben lang

Hätten sich die Eltern des Berliner Kindes an die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission gehalten, wäre ihr Sohn wohl vor den Masern gefeit gewesen. Empfohlen wird die Masernimpfung noch vor dem ersten Geburtstag. Sie schützt ein Leben lang - allerdings sprechen rund drei Prozent der Kinder nicht an, weshalb eine zweite Impfung im zweiten Lebensjahr nötig ist.

"Man sollte diese zweite Impfung nicht so weit hinausschieben", empfiehlt Johannes Hübner, "um das Risiko zu minimieren." Denn kleinen Kindern können die Masern besonders gefährlich werden.

Immer größere Aufmerksamkeit hat in den vergangenen Jahren eine stets tödliche Spätkomplikation der Masern erlangt, die besonders häufig auftritt, wenn die Patienten sehr jung sind. Bei der SSPE entzündet sich das Gehirn; die Kinder zeigen zunächst psychische Auffälligkeiten und Muskelkrämpfe, dann sterben sie. Einer von 3300 Patienten entwickelt die SSPE Jahre nach der Masernerkrankung.