Lebenszufriedenheit im Alter Wie kommt es zum Knick im Lebensglück?

Diese relativ neuen Erkenntnisse stellen Forscher wiederum vor Rätsel. Bei diesem Zusammenhang von Todesnähe und beginnendem Gram sind Ursache und Wirkung nur schwer zu unterscheiden. Sind kurz vor dem Tod Verluste, Einbußen und vielleicht sogar kognitive Abbauprozesse so groß, dass die Anpassung erlahmt oder an ihre Grenzen stößt? Versagen irgendwann die psychischen Regulationsmechanismen, sodass es Menschen nicht mehr gelingt, ihrem Leben positive Aspekte abzugewinnen und die Unzufriedenheit Oberhand gewinnt? Oder spielt auch der umgekehrte Mechanismus eine Rolle? "Denkbar ist auch, dass ein nachlassendes Wohlbefinden das Verhalten und sogar die Gesundheit negativ beeinflusst und so das Sterberisiko erhöht", sagt Gerstorf. Man weiß beispielsweise, dass sich pessimistische Patienten nach einem Herzinfarkt schlechter erholen als optimistische.

Damit bleibt auch ungeklärt, ob dieser Knick in der Lebenszufriedenheit vermieden oder wenigstens abgemildert werden kann. "Negative Ereignisse haben stärkere Auswirkungen auf das Wohlbefinden als positive. Möglicherweise kann bessere psychologische Betreuung bei schweren Verlusten einiges abfangen", sagt Gerstorf.

Doch letztlich bleiben viele Fragen über das hohe Alter offen, vielleicht auch, weil sich die Gesellschaft mit dem Ende des Lebens nicht wirklich auseinandersetzt. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, bedauert dies: "Das Thema Alter gehört eigentlich schon in die Schulen, in den Biologie-, Ethik- oder Philosophieunterricht." Er hält es für möglich, das Älterwerden ein Stück weit zu lernen. "Das Fundament für das Alter wird in früheren Lebensjahren gelegt. Wie gut es gelingt, hängt von den finanziellen, praktischen, geistigen und emotionalen Ressourcen ab." Doch abgesehen von der monetären Altersvorsorge verschwenden jüngere Menschen wenig Gedanken an den späten Lebensabschnitt.

Und so bleiben auch die Kräfte, die alte Menschen zumindest über einen langen Zeitraum haben, oft ungenutzt. "Alter heißt nicht nur versorgt zu werden. Alte Menschen können sehr oft auch hervorragend für andere sorgen: durch Erfahrungen und Wissen, durch seelische Stärke und Gelassenheit", sagt Kruse. Leider werde dies viel zu häufig übersehen.