Lebenszufriedenheit im Alter Die Anpassungsleistung des Menschen ist enorm

Gerstorf hat die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer jährlichen Befragung von 12.000 Privathaushalten, über einen Zeitraum von 25 Jahren analysiert. Es zeigte sich, dass vorhersehbare Ereignisse eine geringere Wirkung haben als unerwartete. So ändert der Übergang ins Rentenalter erstaunlich wenig an der Lebenszufriedenheit. Negative Erlebnisse wirken stärker als positive: Die Hochzeit ist längst nicht so beglückend, wie der Verlust des Partners verheerend ist. Doch die meisten Lebensereignisse eint, dass die Zufriedenheit vieler Betroffener spätestens nach fünf Jahren wieder auf ihr ursprüngliches Level zurückkehrt. Psychologen nennen das Phänomen hedonistische Adaption. Es ist ein seelischer Schutzmechanismus, der wahrscheinlich auch dazu beiträgt, dass die Mehrheit der Menschen den Übergang zum Alter meistert.

Hinzu kommen aktive Anpassungsleistungen der Älteren: Vielen gelingt es, unrealistisch gewordenen Zielen zu entsagen, ohne allzu große Verluste zu empfinden. Sie richten ihren Blick stärker auf Fähigkeiten statt auf Einbußen. "Eine erfolgversprechende Strategie ist, die aktuelle Situation nicht mit früheren Lebensphasen, sondern mit der von Gleichaltrigen oder Älteren aus vergangen Zeiten zu vergleichen", sagt Tesch-Römer. Möglicherweise kommt den Älteren auch ihre stärkere Selektion der Kontakte zugute: Sie umgeben sich im Alter mit den Menschen, die ihnen Wohlbefinden verschaffen und reduzieren damit Konflikte, so Gerstorf.

Ist das Alter also das Arkadien des Lebens? Der Ort, wo Leistungsdruck, Konkurrenzgebaren, alltägliche Reibereien sich in Ruhe und Seligkeit auflösen? Clemens Tesch-Römer warnt: "Vorsicht vor zu viel Altersoptimismus". Längst nicht jeder Deutsche ist am Ende des Lebens rundum glücklich. So steigt die Rate der Suizide dem Statistischen Bundesamt zufolge etwa ab dem Rentenalter drastisch an. Während sich unter den 50- bis 65-Jährigen etwa 20 von 100.000 Personen selbst töten, sind es unter den 70- bis 75-Jährigen bereits fast 30, unter den 75- bis 80 Jährigen 40 und unter den über 90-Jährigen sogar 70 von 100.000.

Der Deutsche Alterssurvey kommt wohl zu einem positiveren Bild, weil hier nur Menschen in Privathaushalten befragt werden. Es geben also die Senioren Auskunft, die noch in ihren eigenen vier Wänden wohnen. Studien, die den Schwerpunkt auf sehr alte und stark pflegebedürftige Menschen legen, kommen zu anderen Ergebnissen.

So auch die Berliner Altersstudie, eine Langzeitbeobachtung, die vor allem die Ältesten im Fokus hat. Denis Gerstorf und Kollegen haben die Daten von über 400 Menschen analysiert, die während des Beobachtungszeitraums von zwölf Jahren verstorben waren. Sie stellten fest, dass die Kurve der Lebenszufriedenheit etwa vier Jahre vor dem Tod abknickt und dann unbarmherzig nach unten zeigt. Das langsame Abgleiten ins Unglück trifft Männer wie Frauen, Arme wie Reiche. Entscheidend ist zudem weniger das Alter der Untersuchten, sondern die Nähe des Todes. Auch die SOEP-Daten sowie amerikanische und britische Erhebungen zeigen die gleiche Korrelation: Etwa drei bis fünf Jahre vor dem Tod sinkt die Lebenszufriedenheit rapide.