Lebenszufriedenheit im Alter Das Glück der späten Jahre

Die meisten Menschen sind die meiste Zeit ihres Lebens zufrieden. Kurz vor dem Tod kann sich das ändern.

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Müssen wir uns vor dem Alter fürchten? Keineswegs: Ein 75-Jähriger ist heute so zufrieden wie ein 45-Jähriger. Doch kurz vor dem Tod verlässt das Glück viele Menschen. Forscher rätseln noch über die Gründe.

Von Berit Uhlmann

Die Witwe hat etwas Wichtiges mitzuteilen: "Mit 90 Jahren hat sich mein Leben komplett verändert." Die Besucherin atmet tief ein, sie erwartet Klagen, die berechtigter kaum sein könnten: die kranke Hüfte der alten Frau, die Schmerzen, die vielen Treppen. Doch dann leuchten die blauen Augen in den unzähligen Lachfalten auf: "Ein Mann ist in mein Leben getreten: ein grundanständiger Herr!" Auch wenn das Leben längst nicht immer auf diese Weise überrascht - Glück ist im Alter verbreiteter, als die meisten jüngeren Menschen glauben. Aber warum eigentlich?

Psychologen stellen immer wieder fest, dass Einbußen, Einschränkungen und Entsagungen zum Trotz die Lebenszufriedenheit auch im Alter hoch ist und mitunter sogar noch steigt. Erst kürzlich ergab eine umfangreiche Befragung von mehr als 1000 betagteren US-Amerikanern, dass sie erstaunlich wenig an ihrem Leben auszusetzen hatten. "Selbst die, die mitten in den Abbauprozessen des Alters steckten, berichteten, dass sich ihre Lebensqualität verbessert hat", sagt Studienautor Dilip Jeste.

Auch deutsche Rentner können ihrem Leben viel Positives abgewinnen. Im Deutschen Alterssurvey werden seit 1996 regelmäßig mehrere Tausend Bundesbürger von einem Alter von 40 Jahren an befragt. Etwa 60 Prozent äußern dabei eine hohe Zufriedenheit. Wirklich unzufrieden sind nur maximal sieben Prozent. Das Ergebnis bleibt über die Generationen hinweg nahezu gleich: Ein 75-Jähriger fühlt sich heute etwa genauso wohl wie ein 40-Jähriger.

Wissenschaftler versuchen seit Jahren, dieses Paradox der Lebenszufriedenheit zu ergründen. Gewiss spielen gesellschaftliche Faktoren eine Rolle: "Eine gute materielle Sicherung und Bildung sorgen für eine hohe Lebenszufriedenheit im Alter", sagt der Psychologe Clemens Tesch-Römer, Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin, das den Alterssurvey erstellt. Auch das Lebensumfeld hat einen Einfluss: Wer Ärzte, pflegerische Hilfen und soziale Kontakte in seiner Nähe hat, altert zufriedener.

Doch der größte Einfluss liegt wohl in den schier unglaublichen Anpassungsleistungen des Menschen. Legendär geworden sind die Untersuchungen des US-Psychologen Philip Brickman, der Anfang der 1970er-Jahre feststellte, dass sich die Empfindungen von Querschnittsgelähmten und Lottogewinnern nach einem kurzen Ausschlag ins Negative beziehungsweise Positive wieder an den vorherigen Zustand angleichen. "Veränderungen beeinflussen die Lebenszufriedenheit oftmals nur kurzfristig", sagt der Entwicklungspsychologe Denis Gerstorf von der Berliner Humboldt-Universität. Das Glücksgefühl hänge mehr von persönlichen Eigenschaften ab als von äußeren Faktoren.