Lebenserwartungen von Musikern Gefährdete Solisten

Das Klischee stimmt: Rock- und Popmusiker leben hart und sterben früh. Britische Wissenschaftler haben untersucht, unter welchen Bedingungen ein vorzeitiger Tod besonders wahrscheinlich ist.

Von Sebastian Herrmann

Auch Soulsängerin Amy Winehouse verstarb mit 27 Jahren.

(Foto: AFP)

Der Klub 27 ist nicht wählerisch. Mitgliedschaft erlangt automatisch, wer ein Star ist und mit 27 stirbt. Unter den Mitgliedern befinden sich Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Brian Jones, Kurt Cobain, Amy Winehouse und andere. Diese Ahnenreihe verstorbener Musiker der Popkultur nährt ein Klischee, das gleichzeitig stets zur Legendenbildung der Branche beigetragen hat: Musiker leben schnell, hart und sterben jung.

Die Geschichten von Sex, Drogen und Rock 'n' Roll befeuern auch die Phantasie von Wissenschaftlern: Mediziner um Mark Bellis von der John Moores Universität in Liverpool haben die Sterbestatistiken von 1489 Rock- und Pop-Stars aus Nordamerika und Europa analysiert, die zwischen 1956 und 2006 im Rampenlicht standen. Demnach waren Solokünstler stärker gefährdet, früh zu sterben und etwa dem Klub 27 beizutreten als Musiker, die in Bands von gleicher Berühmtheit das schnelle und schmutzige Rockstar-Leben lebten (BMJ Open, online).

137 der 1489 Stars starben innerhalb des untersuchten Zeitraums, das entspricht einem Anteil von 9,2 Prozent. Das durchschnittliche Todesalter lag bei verstorbenen Musikern aus Nordamerika bei 45 Jahren. Europäische Stars starben früher - im Schnitt waren sie 39 Jahre alt, wenn sie sich für immer von der Bühne verabschiedeten.

Bellis und seine Kollegen beobachteten, dass sich die Lebenserwartung der Stars gegenüber dem Durchschnitt der jeweilige Gesamtbevölkerung Jahr für Jahr stetig verschlechterte: Von dem Zeitpunkt an, von dem Ruhm und Reichtum einsetzten, tat sich die Schere 25 Jahre lang immer weiter auf. Erst dann scheint eine Art Altersmilde einzusetzen und das wilde Leben an Reiz zu verlieren. Dann nähert sich die Lebenserwartung wieder geringfügig jener der Gesamtbevölkerung an.

Für Solo-Künstler lag das Risiko für einen frühen Tod etwa doppelt so hoch wie für Bandmusiker. In Nordamerika starben während der Untersuchungszeitraums 22,8 Prozent der Solokünstler aus der analysierten Stichprobe aber nur 10,2 Prozent der Musiker, die in Bands aktiv waren. In Europa zeigte sich ein ähnliches Verhältnis (9,8 zu 5,4 Prozent). Vermutlich biete die Nähe zu den Mitmusikern wenigstens etwas Schutz, mutmaßen Bellis und seine Kollegen.

Wer vor 1980 zum Star wurde, hatte übrigens ein höheres Sterberisiko als Künstler, die erst nach dem Beginn dieser seltsamen Dekade der Achtziger in den Charts erfolgreich waren. Stars mit weißer Hautfarbe waren weniger gefährdet als berühmte Musiker mit anderem ethnischen Hintergrund.

Das Geschlecht oder das Alter, in dem sich der Blick der Öffentlichkeit auf den Musiker richtete, zeigte hingegen keinen Einfluss. Die Todesursachen? Die sind hinlänglich bekannt, Bellis führt sie trotzdem auf: Drogen, Alkohol, Gewalt, Selbstmord oder schwere Krankheiten - die haben aber nichts mit Rock 'n' Roll oder Klischees zu tun.