Lebenserwartung Tödliche Isolation

Viele ältere Menschen haben nur noch wenig Kontakt mit anderen. Sie leiden dann nicht nur unter der Einsamkeit. Auch ihr Sterberisiko wächst.

(Foto: iStockphoto/Shelly Perry)

Sohn oder Tochter schauen höchstens einmal im Monat vorbei, wochenlang kommt überhaupt niemand. Für viele ältere Europäer ist dies Realität. Und die ist nicht nur bitter, sondern auch gefährlich: Wem die Mitmenschen fehlen, stirbt eher. Britische Forscher haben nun die Gründe dafür untersucht.

Von Berit Uhlmann

Einsam sein und sich einsam fühlen ist nicht unbedingt dasselbe. Es kann einen tatsächlichen Mangel an Kontakten geben - oder das bedrückende Gefühl, nicht so in Familie und Freundeskreis einbezogen zu sein, wie ersehnt. Trotz dieser Unterschiede können beide Phänomene ähnliche und fatale Folgen haben: Studien zeigen, dass das Risiko für chronischen Stress, Herz-Kreislauferkrankungen und sogar einen frühen Tod erhöht ist.

Was aber wiegt schlimmer? Alleinsein oder die nur gefühlte Einsamkeit? Um diese Frage zu beantworten, haben Forscher des Londoner Universtity College die Daten einer umfangreichen Studie herangezogen. 2004 und 2005 waren insgesamt 6500 Briten ab 52 Jahren zu ihren Lebensbedingungen befragt worden. Die Forscher um den Epidemiologen Andrew Steptoe verfolgten nun, wer von den Probanden bis 2012 gestorben war (PNAS, online).

Das galt für 14 Prozent der Männer und Frauen. Doch der Tod ereilte vor allem die isoliert lebenden Menschen. Von denen, die keine Familie und Freunde hatten oder diese nur sehr selten sahen, starben im Beobachtungszeitraum 22 Prozent. Unter jenen Menschen, die viele Kontakte hatten, verschieden dagegen im gleichen Zeitraum nur zwölf Prozent. Der Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und frühem Tod bestand weitgehend unabhängig von Faktoren wie Alter, Gesundheit und Bewegungsradius der Betroffenen.

Dabei war es für das Sterberisiko unerheblich, ob sich die Menschen so einsam fühlten, wie sie tatsächlich waren. Verantwortlich für ihren Tod waren wohl weniger die Leiden der Seele, sondern eher handfeste Gründe, vermuten die Forscher.

Isolation kann zu einer ungesunden Lebensweise führen: Wer bereitet schon regelmäßig nahrhafte Mahlzeiten ganz für sich allein zu? Wer schränkt das Rauchen ein, wenn niemand bei ihm ist? Wer rafft sich auf, um auf einsamen Wegen für ausreichende Bewegung zu sorgen?

Mangelnde Kontakte können zudem gesundheitliche Probleme verstärken. Niemand achtet darauf, dass Medikamente regelmäßig ein- und Arzttermine wahrgenommen werden. Und wenn isoliert lebende Menschen in eine medizinische Notlage geraten, sorgt niemand für schnelle Hilfe.

Doch was ist mit den Menschen, die unter Einsamkeitsgefühlen leiden? Auch sie finden sich vergleichsweise häufig unter den früh Sterbenden. (19 Prozent gegenüber 13 Prozent der nicht Einsamen). Dennoch ist das Gefühl allein - so die Wissenschaftler - wohl nicht der ausschlaggebende Faktor. Denn jene, die gestorben waren, hatten zugleich an körperlichen oder psychischen Krankheiten gelitten. Die Forscher vermuten daher, dass Einsamkeit eher ein Begleitsymptom von Krankheit und eingeschränkter Mobilität ist - die dann zum Tod führen.

Diese Erkenntnisse bedeuten auch: Wie einsam sich jemand fühlt, ist nicht immer ein zuverlässiger Indikator dafür, wie gefährdet er ist. Der alte Vater mag beteuern und vielleicht auch selbst glauben, dass er allein gut zurechtkommt. Der Realität muss das nicht unbedingt entsprechen.

Doch letztlich dürfte auch ohne solche nüchternen Statistiken jedem klar sein: Es braucht gesellschaftliche Anstrengungen, das Alleinsein der Älteren zu reduzieren. Denn die Großfamilie, in der mehrere Generationen zusammenleben, ist längst ein Auslaufmodell. Und berufliche Mobilität reißt auch immer mehr Freundschaften auseinander. Laut europäischen Erhebungen treffen heute nur 27 Prozent aller älteren Menschen im Schnitt höchstens einmal im Monat Angehörige oder Freunde.