Landwirtschaft Sexualhormone in der Schweinehaltung

Damit viele Sauen zeitgleich werfen, werden sie in manchen Betrieben mit Hormonen behandelt: Zur Synchronisation etwa erhalten sie Altrenogest (Gestagen).

Damit Schweine noch effizienter produziert werden, behandeln Landwirte sie mit Hormonen, die ihren Sexualzyklus synchronisieren. Umweltschützer fürchten, dass die Hormone ins Trinkwasser gelangen und die Gesundheit der Bevölkerung bedrohen können. Schweinehalter sprechen von Panikmache.

Von Markus C. Schulte von Drach

Die Lust auf Fleisch hat in Deutschland eine intensive Industrie entstehen lassen, deren Ziel es ist, auf möglichst ökonomische Weise möglichst viele Tiere mit marktgerechten Fleischpartien zu produzieren.

Das hat nicht nur zu einer gezielten Zucht zum Beispiel von Mastschweinen mit immer mehr Muskelmasse und immer weniger Fett geführt. Um ihre Wirtschaftlichkeit zu verbessern, versuchen manche Landwirtschaftsbetriebe - vor allem solche mit mehr als 200 Sauen - auch, die Sexualzyklen der Tiere zu synchronisieren. Denn es ist praktisch für sie, wenn Gruppen von Sauen schnell, häufig, pünktlich und außerdem gleichzeitig viele Ferkel werfen.

Kein Geheimnis, aber doch relativ unbekannt ist, dass viele Schweinezuchten und Ferkelerzeugungsbetriebe den Tieren dazu eine Reihe von Hormonen verabreichen. Im Gegensatz zu Wachstumshormonen, die in der EU verboten sind, ist der Einsatz dieser Stoffe - etwa von bestimmten weiblichen Sexualhormonen wie Gestagenen - legal. Sie müssen zwar von einem Tierarzt verordnet werden, eine Krankheit muss dazu jedoch nicht vorliegen.

Doch die Hormone könnten Risiken für die Bevölkerung bergen, warnt der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in einer jetzt veröffentlichten Studie. Durch die Ausscheidungen der Tiere könnten die Hormone in Böden und Gewässer gelangen - und damit auch in die Trinkwasserressourcen. Aus dem Wasser aber, so warnt die Landwirtschaftsexpertin des BUND, Reinhild Benning, könnten Hormone nicht oder nur teilweise entfernt werden. Und da Substanzen mit hormonähnlicher Wirkung, so heißt es auch beim Umweltbundesamt, in hormonelle Abläufe eingreifen und diese verändern können, besteht die Gefahr, dass sie "zur Zunahme hormonabhängiger Erkrankungen und Gesundheitsstörungen des Menschen beitragen könnten".

Zu einem bekannten Steroidhormon, welches den in der Tierhaltung eingesetzten Hormonen sehr ähnlich sei, gebe es verschiedene Studien, die drastische Effekte zumindest in Fischen und Fröschen belegten, heißt es in einer Antwort des Umweltbundesamt an den NDR. Dem Sender zufolge will das Amt die Umweltverträglichkeitsprüfung für solche Hormone erweitern.

Nur Panikmache?

BUND-Studienautor Bernhard Hörning räumt ein, dass es bislang nur wenige Studien zu den Risiken der betroffenen Substanzen gibt. Wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BLV) dem NDR mitteilte, sei "die Mehrzahl dieser Tierarzneimittel allerdings zu einem Zeitpunkt zugelassen worden, zu dem eine Umweltrisikobewertung nach heutigem wissenschaftlichen Standard noch nicht erforderlich beziehungsweise möglich gewesen sei".

Angesichts der möglichen Umweltbedrohung seien entsprechende Untersuchungen aber "dringend erforderlich", schreibt Bernhard Hörning. Aktuelle Zahlen zum Hormoneinsatz in Deutschland liegen nicht vor. Es sei jedoch aufgrund der von ihm untersuchten Literatur davon auszugehen, dass "viele Betriebe derartige Sexualhormone zur Steuerung der Betriebsabläufe einsetzen". Schließlich würden nach Angaben des Zentralverbandes der Deutschen Schweineproduktion die allermeisten der ausgewerteten Ferkelerzeuger feste Wochenrhythmen aufweisen. Und solche festen Rhythmen ließen sich Hörning zufolge durch den Hormoneinsatz besser einhalten.

Neben den möglichen Risiken für die Bevölkerung weist BUND-Expertin Benning auch auf tierschutzrechtliche Probleme des Hormoneinsatzes hin. So soll dieser ihr zufolge auch die Würfe von gewöhnlich zwölf bis 13 Ferkeln auf die "unnatürlich hohe Anzahl" von 16 erhöhen. Eine Zuchtsau hat in der Regel 14 Zitzen. Deshalb, so Benning, bestehe die Gefahr, dass Ferkel nicht versorgt werden können und sterben oder getötet werden. Der Einsatz der Sexualhormone in der Ferkelzucht sei ein "Schmiermittel der Industrialisierung", sagte sie bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Sie würden Geburten am Fließband bei minimalen Personalaufwand ermöglichen.

Der BUND fordert, dass Hormone zur Leistungssteigerung verboten und die Daten über den Hormoneinsatz offengelegt werden. Darüber hinaus sollte das Fleisch systematisch auf hormonelle Rückstände untersucht werden. Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger appelliert an Bundesagrarminister Hans-Peter Friedrich, der tier- und umweltschädlichen Praxis einen Riegel vorzuschieben. "Was wir brauchen ist eine Kehrtwende in der Agrarpolitik. Weg von der Massentierhaltung und weg von der Subventionierung einer Agrarindustrie, die Tiere zu Gebärmaschinen macht", sagte Weiger.

Mit heftiger Kritik an den Umweltschützern hat die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) auf die Studie reagiert: Pünktlich zur Grünen Woche würde der BUND sich mit einem nur "scheinbar skandalträchtigen Thema" an die Medien wenden. Zum einen, betont der ISN, diene die Synchronisation gerade dem Tierschutz. So könnten die Geburten dann zum Beispiel wirkungsvoller überwacht und die Verluste der Ferkel verringert werden. Auch könnten die Ställe dann "konsequent" gereinigt und desinfiziert werden, weshalb sich der Antibiotikaeinsatz reduzieren ließe. Die Hinweise auf mögliche Risiken für Mensch und Umwelt hält die Interessengemeinschaft für Spekulation - und stellt selbst die Frage, ob mit der neuen Studie vielleicht nur Panikmache und Verunsicherung der Verbraucher erreicht werden soll.

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