Kritik an IGeL-Informationen Schleichwerbung in der Arztpraxis

Wer Informationen über die Selbstzahler-Leistungen beim Arzt sucht, stößt vor allem auf Banalitäten und Halbwahrheiten. Am schlechtesten schneiden in einer neuen Untersuchung die Informationsbroschüren in den Praxen ab.

Von Berit Uhlmann

Brauche ich die Glaukom-Früherkennung? Soll ich alle Angebote zur Krebs-Vorsorge ausschöpfen? Wer vor einer derartigen Frage steht, braucht besonders verlässliche Informationen über die Nutzen und Risiken. Denn diese Angebote gehören wie etwa 350 weitere zu den Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) - medizinische Angebote, für die der Patient nicht nur selbst zahlen, sondern für die er sich auch selbst entscheiden muss - und die hoch umstritten sind. Doch verlässliche Informationsquellen sind rar.

"Patienten haben ein Recht auf Transparenz - hier krankt es noch an manchen Stellen", sagte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner bei der Vorstellung einer neuen Studie zu den Informationsangeboten rund um die Selbstzahlerleistungen. Darin bescheinigen die Wissenschaftler vom IGES Institut sowie dem Institut für Medizinrecht der Universität Köln den meisten Informationsangeboten große Defizite.

Der überwiegende Teil der Patienten informiert sich in Gesundheitsangelegenheiten beim Arzt. Im Falle der freiwilligen Gesundheitsleistungen aber ist dies heikel. Denn nicht selten ist der Mediziner zugleich der Anbieter der Leistung. Mindestens ein Viertel aller Patienten bekommt die Leistungen sogar aktiv vom Arzt angeboten. An der Objektivität der Beratung darf daher gezweifelt werden.

Die Studienautoren verweisen auf Untersuchungen von Stiftung Warentest, wonach vielen Patienten die Nutzen und Risiken der Gesundheitsleistungen gar nicht oder nur ungenügend erklärt wurden. Mitunter wurden fachlich falsche Begründungen für die Empfehlung einer IGeL angeführt. Laut einer vor kurzem veröffentlichten Umfrage der Verbraucherzentralen fühlt sich nur jeder Zweite über den Nutzen und nur jeder Vierte über die Risiken aufgeklärt.

Wolfgang Zöller, Patientenbeauftragter der Bundesregierung, kritisiert: "Obwohl die Nachfrage zur IGeL-Leistung vom Patienten und nicht vom Arzt ausgehen muss und ein schriftlicher Vertragsschluss erfolgen muss, mangelt es zu oft an der nötigen Transparenz und sachlichen Information."

Besonders schlecht schnitten in der aktuellen Untersuchung die Informationsbroschüren ab, die die Ärzte in ihren Praxen verteilen, und die von ihnen selbst erstellt werden oder von Labordienstleistern und Medizinprodukt-Herstellern stammen. Die Broschüren und Flyer enthielten "regelmäßig keine Angaben zu möglichen Risiken oder zur wissenschaftlichen Evidenz" der fraglichen Leistungen, urteilten die Studienautoren. Längst nicht alle nannten den Preis. Dafür wiesen einige von ihnen "einen vergleichsweise anpreisenden Charakter auf". Das Fazit der Wissenschaftler: Als Entscheidungshilfe taugen diese Schriften nicht.

Wenige Tiefe bei Internetangeboten

Doch wer sich nach anderen Informationsquellen umschaut, ist oftmals nicht besser beraten. Knapp dreihundert Angebote fanden die Autoren im Internet. Viele bieten jedoch nur allgemein gehaltene Informationen, die den Patienten mit seinen konkreten Fragen allein lassen.

Als "außerordentlich gutes" Angebot bewertete die Studie dagegen den IGeL-Monitor, ein von den Krankenkassen getragenes Angebot, das Nutzen und Risiken gegeneinander aufwiegt. Auch die Informationen der Verbraucherzentrale Hamburg und der Techniker Krankenkasse bewerten die Wissenschaftler als insgesamt gute Angebote. Alledings bieten diese Institutionen ihre Einschätzungen nur für einen Bruchteil der Selbstzahlerleistungen.

Die selbst zu zahlenden Angebote reichen von einer schmerzärmeren Hochdruckinjektion von Arzneimitteln für etwa fünf Euro über Untersuchungen zur Glaukom-Früherkennung, die zirka 30 Euro kosten, bis zu Schönheitsoperationen für einige tausend Euro. Durchschnittlich zahlen Patienten pro IGeL knapp 100 Euro. Insgesamt geben die Bundesbürger jährlich 1,5 Milliarden für diese Leistungen aus. Dabei ist der Nutzen der meisten Angebote gar nicht bewiesen.

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