Kritik an der WHO "Gegen illegalen Zigarettenhandel wird mehr getan als gegen gefälschte Medikamente"

Von gefälschten Medikamenten geht eine tödliche Gefahr aus. Trotzdem gelingt es den Mitgliedern der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht, sich auf Maßnahmen dagegen zu einigen. Das muss sich endlich ändern, fordert eine internationale Gruppe von Experten.

Schweizer Zollbeamte haben gefälschte Medikamente beschlagnahmt. In den Entwicklungsländern ist das Problem mit solchen gefährlichen Produkten noch deutlich schlimmer als in den Industriestaaten. Fachleute fordern weltweite Regeln, um die Verbreitung einzudämmen.

(Foto: dpa)

Eines von zehn Medikamenten in den Entwicklungsländern ist eine Fälschung. Das Gleiche gilt für ein Drittel aller Malariamittel. Und von einigen Arzneien, die dort gegen tödliche Krankheiten helfen sollen, ist sogar die Hälfte gefälscht oder enthält nur noch wenig oder keinen Wirkstoff mehr, warnen Experten im British Medical Journal. Die Folge: Den Patienten wird nicht geholfen - im schlimmsten Fall sterben sie sogar, weil sie wirkungslose Medikamente nehmen.

Eine der Ursachen ist der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge die fehlende Kontrolle in etwa einem Drittel aller Länder. Dort, wo Gesetze fehlen, finden kriminelle Organisationen, die hinter den Fälschungen stecken, einen Unterschlupf.

Obwohl die Situation in den Industrienationen deutlich besser ist, kommt es auch hier immer wieder zu Problemen. Schließlich wird die Herstellung von Medikamenten ins Ausland ausgelagert, oder Bestandteile kommen aus Ländern, in denen die Sicherheitsstandards nicht so hoch sind.

Experten einer ganzen Reihe von Universitäten und Organisationen wie dem International Council of Nurses und der International Pharmaceutical Federation fordern deshalb weltweit geltende Vereinbarungen. Nur so lassen sich ihrer Meinung nach die Hersteller gefälschter Medikamente über Grenzen hinweg verfolgen.

Bislang, so schreiben sie, wurde zu wenig in dieser Richtung unternommen, obwohl Pharmaunternehmen, Organisationen und Regierungen im Prinzip dasselbe Ziel hätten: den Patienten sichere und effektive Mittel anzubieten und vor Fälschungen zu schützen.

Eine Arbeitsgruppe der WHO, die bereits 2010 eingerichtet wurde, kommt nicht voran, kritisieren die die Fachleute. Nicht einmal auf eine Definition dessen, was schlechte Medizin ist, habe man sich einigen können - geschweige denn, dass es Handlungspläne gebe. Bislang sind die Diskussionen immer wieder gescheitert "aufgrund der Kontroverse über um das geistige Eigentum und einer Verwirrung um Konditionen".

Dabei haben Bemühungen in anderen Bereichen gezeigt, wie man Probleme, die sich innerhalb einzelner Länder kaum lösen lassen, angehen kann. Ein Beispiel, auf das Amir Attaran von der University of Ottawa, Kanada, verweist, ist eine Vereinbarung der Framework Convention on Tobacco Control der WHO. Das gerade verabschiedete Protokoll soll dafür sorgen, dass sich der Weg von Tabakprodukten verfolgen und illegaler Handel aufspüren und unterbinden lässt.

"Damit gibt es ein strengeres Gesetz gegen Zigarettenfälschungen als gegen Medikamentenfälschung", sagte Attaran der BBC. "Zigarettenschachteln können Seriennummern tragen, so dass es möglich ist, ihren Weg vom Anfang bis zum Ende zu verfolgen", so Attaran. "Wenn das für Schachteln möglich ist, die fünf Dollar kosten, verstehe ich nicht, wieso es nicht gehen soll bei Paketen mit Medikamenten, die 3000 Dollar wert sind und Leben retten können."

In Kanada sei ein gefälschtes Herzmittel aufgetaucht, das keinen Wirkstoff, sondern nur Stärke und Nagellackentferner enthalten habe. "Wen es eine Seriennummer für Medikamente geben würde, wäre es einfach, solche Fälschungen zu erkennen." Der BBC zufolge bietet die WHO jedem Land und jeder Region Unterstützung an, um sich vor falschen Medikamente zu schützen. Es sei jedoch Sache der 194 Mitgliedsstaaten, sich auf umfassendere Vereinbarungen zu einigen.

Dass es möglich ist, sich über Ländergrenzen hinweg auf solche Maßnahmen zu einigen, hat die Europäische Union im vergangenen Jahr demonstriert. Im Mai 2011 hat der EU-Rat ein Gesetz angenommen, das "ein unverwechselbares Kennzeichen auf der äußeren Verpackung" fordert, mit dem die Echtheit des Arzneimittels garantiert sein soll. Zuvor war es Sache der Mitgliedstaaten gewesen, ob solche Kennzeichen vorgeschrieben waren oder nicht.