Krebsfälle in Deutschland Wo der Krebs wuchert

Flächendeckendes Erfassen statt bloßer Schätzungen: Mit dem neuen Krebsregister will Gesundheitsminister Bahr die Früherkennung verbessern und Fortschritte bei der Therapie erzielen. Bisher werden Daten von Krebspatienten dezentral erfasst. Doch gerade in einigen westlichen Bundesländern klaffen noch Lücken.

Von Oliver Klasen

Etwa 470.000 Menschen pro Jahr erkranken in Deutschland an Krebs. Die Zahl erschließt sich leichter, wenn man sie in Relation setzt: Das sind beinahe so viele wie die Stadt Duisburg Einwohner hat. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland sind es etwas mehr als 0,5 Prozent der Menschen.

Bis 2018 will Gesundheitsminister Bahr gemeinsam mit Ärzten, Klinken, Krankenkassen und Experten aus der Forschung ein bundesweites Krebsregister aufbauen.

(Foto: dpa)

Die Zahl der Neuerkrankungen ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Jetzt schaltet sich die Regierung ein. Das Kabinett hat am Mittwoch einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht.

Zwei Rezepte schlägt Gesundheitsminister Daniel Bahr gegen den Krebs vor: mehr Daten und mehr Vorsorge. So soll einerseits die Früherkennung erheblich intensiviert werden. Öfter als bisher sollen die Bürger künftig persönliche Briefe erhalten, die zu Darm- und Gebärmutterhalskrebs-Untersuchungen aufrufen. Bisher gibt es ein organisiertes Früherkennungsprogramm nur bei Brustkrebs.

Ein größeres Projekt ist das geplante Krebsregister, das der FDP-Politiker bis 2018 einführen will. "Diese Schritte sind notwendig, da Deutschland angesichts des demografischen Wandels vor wachsenden Herausforderungen in der Krebsbekämpfung steht", sagte Bahr.

Krebstherapien sollen vergleichbar werden

Erfasst werden sollen im neuen Krebsregister die Daten der Patienten zu Diagnose, Behandlung, aber auch Nachsorge und zu Rückfällen. Krebstherapien sollen so vergleichbar werden, die einzelnen Kliniken besser überprüft werden können. Letztlich soll klarer werden, welche Behandlungen wirklich wirkungsvoll sind - so dass alle Betroffen langfristig davon profitieren.

Bahrs Vorschlag ist neu, aber keinesfalls revolutionär. Im Grunde gibt es solch ein Register schon. Anfang 2010 wurde das Zentrum für Krebsregisterdaten eingeführt, das beim Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin angesiedelt ist. Die Bundesländer übermitteln ihre Daten dorthin. Die RKI-Experten werten das Material aus und bereiten es für die Broschüre "Krebs in Deutschland" auf, die alle zwei Jahre erscheint.

Warum also das Bahr-Krebsregister? Weil die RKI-Datensammlung Lücken hat. Während in Ostdeutschland schon seit Jahrzehnten Informationen zu Krebserkrankungen flächendeckend erfasst werden, setzte die systematische Erfassung im Westen oft erst Ende der neunziger Jahre ein. Baden-Württemberg hat sogar erst 2009 mit der Dokumentation von Krebsfällen begonnen.

Nur zehn von 16 Bundesländern haben dem RKI für 2008 komplette Datensätze geliefert. Sachsen-Anhalt, Berlin und Nordrhein-Westfalen haben nicht alle Krebsfälle erfasst. So konnten sich die Forscher immerhin auf Daten von 50 Millionen Menschen berufen. Erst bei einem Erfassungsgrad von mehr als 90 Prozent ist jedoch nach Angaben des RKI eine unverzerrte Bewertung der Daten möglich. Man wolle einen "fließenden Übergang vom Schätzen zum Zählen" der Krebsfälle erreichen, sagen die Forscher.

Wie dramatisch die Auswirkungen von Krebs sind, kann das Koch-Institut schon jetzt anhand eindrucksvoller Zahlen aufzeigen:

[] Die häufigsten Krebsarten bei den Frauen sind Brustkrebs (71.700 Fälle), Darmkrebs (30.000), Gebärmutterkörper- oder Gebärmutterhalskrebs (16.200) sowie Lungenkrebs (15.600). Zusammen machten diese vier Krebsarten im Jahr 2008 etwa 60 Prozent aller Fälle bei Frauen aus. Bei den Männern liegt der Prostatakrebs mit 63.400 Fällen an erster Stelle, gefolgt vom Darmkrebs mit 35.400 und dem Lungenkrebs mit 34.000 Fällen. Dabei sind diese drei Arten für gut die Hälfte der Neuerkrankungen verantwortlich.

[] Die Zahl der Neuerkrankungen in Deutschland verteilt sich den RKI-Angaben zufolge auf 223.100 Frauen und 246.700 Männer. Im Vergleich zum Jahr 2000 ergeben sich deutliche Steigerungsraten: Ein Plus von 12,8 Prozent bei weiblichen und von 18,7 Prozent bei männlichen Patienten. Für das Jahr 2012 wird abermals mit deutlich mehr Krebserkrankungen gerechnet: Die Prognose geht bei Frauen von einer Steigerungsrate von 2,3 Prozent aus (im Vergleich zu 2008), bei den Männern werden 4,6 Prozent mehr Krebsfälle erwartet.

[] Die Anzahl der Todesfälle lag 2008 bei 215.500. Davon waren 99.600 Frauen und 115.600 Männer. Diese Zahl basiert auf der amtlichen Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes. Krebs ist damit nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Bei den Frauen gab es die meisten Todesfälle bei Brustkrebs (17.200 Fälle), Darmkrebs (12.900) und Lungenkrebs (12.800). Männliche Krebspatienten starben besonders häufig an Lungen- (29.500), Darm- (13.700) und Prostatakrebs (12.100)

[] Das Lebenszeitrisko, also die Wahrscheinlichkeit im Laufe eines Lebens an Krebs zu erkranken, liegt für Männer mit 50,7 Prozent etwas höher als für Frauen (42,8 Prozent). Das Risiko einer Frau, im Laufe ihres Lebens an Krebs zu sterben, liegt in Deutschland bei 20,2 Prozent, das eines Mannes sogar bei 25,9 Prozent. Erwartungsgemäß ist das Risko im Alter deutlich höher: So beträgt bei einem 40-jährigen Mann das Risiko, in den kommenden zehn Jahren an Krebs zu sterben nur 0,6 Prozent; bei einem 70-jährigen Mann liegt die Wahrscheinlichkeit, bis zu seinem 80. Geburtstag dem Krebstod zu erliegen, jedoch bereits bei 10,9 Prozent.

[] Die so genannte Fünfjahres-Prävalenz bezeichnet den Anteil der Patienten, die fünf Jahre nach ihrer Krebsdiagnose noch am Leben sind. Die aktuellen Daten erfassen somit alle Personen, bei denen in den Jahren 2004 bis 2008 eine Krebserkrankung festgestellt wurde und die bis zum Stichtag am 31. Dezember 2008 noch nicht verstorben waren. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass nicht alle Todesfälle auf Krebs zurückzuführen sind und es bei Krebskranken auch andere Sterbeursachen geben kann. Die so genannate relative Überlebensrate bezieht diesen Fakt mit ein. Sie lag in Deutschland 2008 für Frauen bei 64 Prozent und für Männer bei 59 Prozent.

Die Pläne des Gesundheitsministers sollen diese Zahlen deutlich verbessern, so der Anspruch. Welche Daten genau in das Register einfließen sollen, muss in den kommenden Monaten von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen abgestimmt werden.

SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach fällt schon jetzt sein Urteil: Die Pläne für das Register seien unzureichend, weil die Daten "nur Wissenschaftlern und der Politik zur Verfügung stehen, aber nicht der allgemeinen Bevölkerung", kritisiert er. "Die Menschen wollen wissen: Wie hoch ist das Krebsrisiko in einer bestimmten Region - etwa in der Nähe einer Chemiefabrik? Wie sind die Ergebnisse in den Kliniken?"

Die Deutsche Krebsgesellschaft dagegen lobt die geplante Ausweitung und Vereinheitlichung der bestehenden Register: "Von Vielen lernen ist leichter als von Wenigen", sagte Johannes Bruns, der Generalsekretär der Organisation. Gerade bei den Krebsarten mit weniger großen Fallzahlen reichten regionale Register allein nicht aus. Für wissenschaftliche Fortschritte bei den Therapien komme es auf die Zusammenführung und Analyse der Daten an: "Ansonsten schlummern solche Daten in den Krankenakten."