Krebs und Ernährung Rotes Fleisch erhöht das Krebsrisiko

Mit dem Glauben ist das so eine Sache in der Wissenschaft. Dass ein Krebs des Dick- und Enddarms häufiger bei Menschen vorkommt, die viel rotes Fleisch essen - und seltener bei jenen, die Fisch, Geflügel und wenig Fleisch bevorzugen - gilt als relativ gesichert. Aber sonst? Warum bekommen Frauen in Japan vergleichsweise selten Brustkrebs, aber wenn sie nach Hawaii oder Kalifornien auswandern, ist der Anteil jener plötzlich größer, die einen Tumor bekommen. "Es muss doch etwas in Lebensstil oder Umwelt geben, was diese Unterschiede erklärt", sagt Kaaks und es klingt fast beschwörend.

Otmar Wiestler ist von weniger Zweifeln geplagt. Er ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg und einer der mächtigsten Wissenschaftsmanager im Lande. Und manchmal betätigt er sich als Orakel. "Es gibt einen erstaunlichen Zusammenhang von Fehlernährung und Überernährung und einer signifikant erhöhten Rate von Krebserkrankungen, besonders im Magen-Darm-Trakt", ist Wiestler überzeugt. "Und ich sage Ihnen voraus, dass dieser Einfluss noch zunehmen wird."

Woher weiß er das? Hatte nicht Rudolf Kaaks gerade gesagt, wie wenig manchmal vom angeblichen Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs übrig bleibt? Nämlich "keinerlei Beziehung, nullkommanull", wenn es beispielsweise um den vermuteten Krebsschutz durch Obst und Gemüse geht. Die pflanzenbetonte Kost könne das Krebsrisiko um 50 Prozent verringern, hieß es vor zehn Jahren. "Das wurde extrem propagiert mit der 5-am-Tag-Kampagne", sagt Kaaks und zeigt Poster, auf denen Zucchini und anderes Gemüse in eindeutiger Stellung für diese spezielle Form der Tutti-Frutti-Krebsvorsorge werben.

Sollte man sich hier nicht vielleicht an das Diktum von Gerd Antes erinnern, dem Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg, das die Qualität medizinischer Studien kritisch unter die Lupe nimmt. "Die Ernährungswissenschaften sind in einer bemitleidenswerten Lage", sagte Antes schon vor Jahren. "Studien in diesem Bereich sind von vielen unbekannten oder kaum messbaren Einflüssen abhängig. Deswegen gibt es immer wieder völlig widersprüchliche Ergebnisse in der Ernährungsforschung."

Denn wer wollte sich ein Urteil darüber anmaßen, ob der - sagen wir: vor Fußpilz schützende - Effekt von Marmelade tatsächlich auf den süßen Brotaufstrich zurückzuführen ist. Oder doch darauf, dass Marmelade-Liebhaber entspannter, hautrobuster und weniger empfindlich sind oder lieber saure Gurken verspeisen, deren Auswirkungen auf Infektionen der unteren Extremität noch nicht ausreichend untersucht worden sind?

"Hier wurde im Labor getestet, nicht im richtigen Leben"

Warum Ernährungswissenschaftler gerne das glauben wollen, was sie schon länger vermuten, kann man spüren, wenn man Clarissa Gerhäuser zuhört. Sie erforscht am DKFZ, welche Rolle Ernährung und Epigenetik in der Krebsentstehung spielen. Die Epigenetik ist ein relativ junger Forschungszweig, der untersucht, wie Umwelteinflüsse dazu beitragen, dass genetische Information im Erbgut aktiviert oder gehemmt wird. Gerhäuser verweist auf "Hunderte von Studien", in denen vermeintlich gezeigt wurde, wie Inhaltsstoffe von Grünem Tee, schwarzen Himbeeren, Brokkoli, Soja, Äpfeln, Wein und etlichen anderen Lebensmitteln, die auf eine Karriere als angebliche Gesundmacher zurückblicken können, allerlei molekulare Wunderdinge in der Krebsabwehr verrichten.

Zwar schränkt Gerhäuser ein, warum diese Befunde mit Vorsicht zu genießen sind: "Hier wurde im Labor getestet, nicht im richtigen Leben", sagt sie. "Man hat Reinstoffe untersucht, aber nicht Mischformen der Substanzen, wie sie in Lebensmitteln nun mal vorhanden sind."