Kongress zu Depressionen Eine fast ausgelassene Stimmung

Das alles wirkt mitunter fast ein wenig zu ausgelassen, würde man nicht hier und da an die eigentliche Schwere des Themas erinnert. So sollen an einem der Stände Patienten auf kleinen Karten notieren, woran und was sie denken, wenn die Depression ihnen mal wieder mit aller Macht begegnet. "Lass mich in Ruhe!", steht auf einer Pappe. Und auf einer anderen die einfache wie erschütternde Frage: "Hat mein Leben noch Sinn?"

Es hat, das soll die Botschaft des Kongresses sein. "Wir können Depressionen gut behandeln", sagt Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Nach seinen Angaben leiden in Deutschland etwa vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Hegerl nennt es "erfreulich", dass Krankenkassen bei Beschäftigten eine Zunahme von Ausfalltagen wegen Depression verzeichnen und dass inzwischen 40 Prozent der Frühverrentungen wegen psychischer Erkrankungen erfolgen.

Erfreulich, weil dies kein Ausdruck einer "Depressionsepidemie" sei, sondern ein Ausweis der "Tatsache, dass sich mehr Erkrankte professionelle Hilfe holen und Ärzte die Krankheit besser erkennen". Früher habe man bei einer Depression noch behelfsweise zum HNO-Arzt (Ohrengeräusch) oder zum Internisten (Rückenschmerzen) gehen müssen.

Krankheit der "Tüchtigen"

Geholfen hat dabei offenbar auch der "Burn-out-Tsunami", den Professor Mathias Berger in einem Vortrag als deutsches Phänomen beschreibt. Zwar hat der vergleichsweise neue Begriff viele ermutigt, sich eine Erschöpfung einzugestehen und behandeln zu lassen. Aber der Ärztliche Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Freiburg weist auch darauf hin, dass mittlerweile Burn-out als Krankheit der "Tüchtigen" gelte und Depression als Krankheit der "Schwächlinge".

Dies sei eine "besonders üble Stigmatisierung, die den Fortschritt mehr als wettmacht". Die Burn-out-Diskussion als Fluch und Segen, dieser Zwiespalt wird immer wieder sichtbar, am Ende steht ein gefühlt knapper Punktsieg für den Segen. Denn, sagt Ulrich Hegerl, es gebe im Gesundheitssystem "einen Verteilungskampf um Ressourcen, und da haben psychisch Erkrankte keine gute Lobby".

Deswegen gibt es diesen Kongress, und deswegen verwirklichte die Stiftung Depressionshilfe in diesem Jahr auch die mäßig kreative Idee, einen Medienpreis zum Thema auszuloben. So soll das Interesse der Medien und damit der Öffentlichkeit für die Krankheit gesteigert werden. Für die Aufgabe, Journalisten dabei ins Krankengebet zu nehmen, gibt es wahrscheinlich wirklich keinen besseren als Harald Schmidt.

Der vergleicht den notwendigen Wandel des Zeitgeistes im Umgang mit Depressionen mit dem Wandel im Umgang mit Alkohol: "Ich komme ja noch aus der Zeit, wo man beim WDR früh zwei Cognac getrunken hat gegen das fette Essen vom Griechen am Vorabend - heute hat der WDR zwei Suchtbeauftragte. Und das kennen Sie ja aus den Redaktionsstuben, heute sagt man nicht mehr ,Mensch, was der schon vor der Konferenz weghauen kann und um vier steht der noch wie 'ne Eins!' Heute heißt es: Der ist alkoholkrank."