Infektionskrankheiten Die Quelle der Cholera

Auch unter den Rohingya-Flüchtlingen in Bangladesch wurden Cholera-Fälle beobachtet.

(Foto: Getty Images)

Neue Analysen zeigen: Fast alle Cholera-Ausbrüche der Welt gehen auf eingeschleppte Bakterien aus Asien zurück. Die Erkenntnis könnte den Kampf gegen die Krankheit verändern.

Von Kai Kupferschmidt

Zuerst verbreitete sich die Nachricht. Das Wasser habe heilende Kräfte, hieß es. Menschen von überallher strömten zu der Quelle in El Gedaref im Sudan. Sie tranken das Wasser, badeten darin und schmierten sich mit dem Schlamm ein. Sanitäranlagen gab es nicht. Dann verbreitete sich die Krankheit. Der erste Fall wurde am 4. November 1968 gemeldet, der Patient litt an Übelkeit und Durchfall. Bald waren es Dutzende, Hunderte Kranke. Die alten und schwachen starben zuerst. Wie viele es waren, weiß niemand genau. Am 14. November wurde die Quelle geschlossen, und die Zahl der Fälle nahm rasch ab. Der Erreger stand da bereits fest: Vibrio cholerae, das Bakterium, das Cholera auslöst.

Einige Proben aus dem Ausbruch fanden ihren Weg an das Pariser Pasteur-Institut, wo sie jahrzehntelang in einer Tiefkühltruhe lagerten. Nun haben Forscher das Erbgut von drei dieser Proben ebenso entziffert wie das von Hunderten anderen Cholera-Bakterien aus Afrika, Asien und Amerika. Der Vergleich all dieser Sequenzen zeichnet ein völlig neues Bild der Cholera in Afrika, und das könnte großen Einfluss auf die Bekämpfung der Krankheit haben.

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Forscher wissen seit Mitte des 19. Jahrhunderts, dass die Cholera von Bakterien ausgelöst wird und dass die Erreger sich über Trinkwasser ausbreiten, das mit Fäkalien verunreinigt ist. Doch Ende der 1970erJahre zeigte die US-Forscherin Rita Colwell, dass diese Bakterien nicht nur als Erreger im Menschen leben. Sie sind ein natürlicher Bestandteil von Flüssen und Küsten, auch an Orten, wo die Cholera nicht zu Hause ist. Die Bakterien sind häufig an winzige Ruderfußkrebse gebunden, ein wichtiger Teil des Planktons in den Weltmeeren. Colwell entwickelte eine neue Theorie für Cholera-Ausbrüche: Durch Klima-Phänomene wie El Niño komme es zu Algenblüten, mit den Algen kämen die Ruderfußkrebse, die sich von ihnen ernähren, und mit den Ruderfußkrebsen komme die Cholera. In Gegenden ohne sauberes Wasser könne sich die Krankheit dann ausbreiten, argumentierte Colwell. Seit damals herrscht in dem Feld ein Streit darüber, wie viele Ausbrüche durch solche Umwelteinflüsse entstehen und wie viele, indem zum Beispiel ein Reisender das Bakterium einschleppt. "Das Feld ist seitdem völlig gespalten", sagt Nicholas Thomson vom Sanger-Institut in Hinxton bei Cambridge.

Auf Haiti brach die Cholera im Jahr 2010 aus. Sie wütet dort bis heute

Thomson und zahlreiche Kollegen haben nun versucht, die Frage zumindest für Amerika und Afrika zu beantworten. Dafür haben die Forscher aus zahlreichen Archiven auf der ganzen Welt Hunderte Bakterienproben aus den vergangenen 50 Jahren zusammengesucht und ihr Erbgut entschlüsselt. "Das hat Jahre gedauert", sagt Francois-Xavier Weill vom Pasteur-Institut, einer der beteiligten Forscher. Winzige Unterschiede im Erbgut erlauben es den Forschern, eine Art Familienstammbaum dieser Erreger zu erstellen. Je mehr Proben von unterschiedlichen Orten und Zeiten, desto klarer der Stammbaum.

In zwei Veröffentlichungen im Fachblatt Science präsentieren die Forscher nun ihre Ergebnisse. Demnach sind die beiden großen Ausbrüche in Lateinamerika in den vergangenen Jahrzehnten - einer, der 1991 in Peru begann und in kurzer Zeit fast alle Länder in Süd- und Mittelamerika erfasste, und einer in Haiti, der 2010 begann und bis heute anhält - auf importierte Bakterien zurückzuführen, die ursprünglich aus Asien stammen. Noch dramatischer ist es in Afrika. Der Kontinent hat in den vergangenen Jahrzehnten besonders schwer unter Cholera gelitten. Etwa die Hälfte aller Cholerafälle weltweit und ein Großteil der Todesfälle werden von dem Kontinent gemeldet. Rund ein Dutzend große Epidemien hat es dort in den vergangenen Jahrzehnten gegeben. Die Forscher konnten nun zeigen, dass diese alle auf immer neue Einschleppungen von Bakterien aus Asien zurückgeführt werden können.

Die Ergebnisse hätten ihn überrascht, sagt Marco Salemi von der University of Florida in Gainesville, der an der Studie nicht beteiligt war. "Ich hätte erwartet, dass mehr Ausbrüche vor Ort entstehen." Eine gängige Theorie sei gewesen, dass die Cholera vor einigen Jahrzehnten einmal nach Afrika gebracht wurde und seitdem dort heimisch ist. Er habe die Theorie zahlreicher Einschleppungen skeptisch gesehen, sagt Salemi. "Aber die Analyse und die Daten sind eindeutig." Der Mikrobiologe John Mekalanos von der Harvard-Universität sagt, die Studien machten die Umwelthypothese unhaltbar. "Ich hoffe, das ist das Ende dieser Theorie."

Die Autoren behaupten nicht, dass es gar keine Krankheitsfälle gibt, die auf lokale Varianten des Bakteriums Vibrio cholerae zurückgeführt werden können. Einzelne Fälle oder kleine Ausbrüche könnten auch von afrikanischen Cholerabakterien aus der Umwelt ausgelöst worden sein. Nur gebe es von diesen Fällen eben keine Bakterienproben. Einen einzigen Ausbruch fanden die Forscher, der offenbar nicht importiert wurde: den an der wundersamen Quelle im Sudan 1968.

Seit damals sind aber offenbar alle großen Epidemien auf Einschleppungen asiatischer Varianten zurückzuführen. Das deutet darauf hin, dass es in Afrika kein natürliches Reservoir für diese besonders aggressiven Cholera-Erreger gibt. "Das ist Musik in meinen Ohren", sagt Dominique Legros von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Es beweise, dass die Cholera in Afrika weitgehend eliminiert werden kann. Die WHO hatte schon im Oktober eine neue Strategie vorgestellt. Durch besseren Zugang zu sauberem Trinkwasser und Einsatz eines Impfstoffes soll die Zahl der Cholera-Toten bis 2030 um 90 Prozent reduziert werden. Dieses ehrgeizige Ziel erscheint jetzt realistischer. So könnten Forscher jetzt zu Beginn eines Ausbruchs das Bakterium sequenzieren und feststellen, ob es zu der aggressiven Variante gehört. Dann könnten die begrenzten Impfstoffvorräte genutzt werden, um die gefährlichsten Ausbrüche einzudämmen.

Die neuen Ergebnisse zeigen aber auch, wie wichtig es ist, die Cholera dort anzugehen, wo ihre Quelle ist: im Süden Asiens. "Wenn wir die Cholera weltweit besiegen wollen, dann müssen wir sie in diesem Teil der Welt besiegen", sagt Legros. Dort kann sich das Bakterium offenbar halten und immer neue gefährliche Varianten hervorbringen. "Warum?", fragt Thomson. "Das ist jetzt die Eine-Million-Dollar-Frage."

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